Antisemitismus

Man hat Bekannte, die in die unglückliche Lage kommen, hier als Beispiel für Aussagen zu dienen, die ihnen zwar aus dem Selbst entsprungen anmuten, aber freilich nur Beispiele von gesellschaftlichen Denkschablonen sind und sie hier daher nur – freilich anonym – als Charaktermasken dienen können. Nicht dass jeweils die persönlichen Färbungen nicht auch vorhanden wären, aber ich rede hier nicht als bürgerlicher Psycholog, sondern als Gesellschaftskritiker, dem vielleicht die Gefahr droht, dass ihm Menschen zu bloßen Figuren gerinnen, dem aber die Wirklichkeit diesbezüglich viel zu schnell entgegenkommt.

So kennen wohl alle, zumindest dunkel, die freundlichen und beliebten Bescheidwisser, die Mitteilsamen des allgemein Gewussten, nicht die lästigen Neurotiker, die sich selber und anderen unangenehme Gefühle bescheren, sondern die aus der Mitte ihrer Seele, das Allgemeine zu aller Zufriedenheit präsentieren vermögen, die zu jeder Sache eben das beitragen wollen, was sie gerade nicht können können: nämlich die Wahrheit. Immer, wenn diese Kleinbürger etwas als Lüftung des Geheimnisses, irgendeines, auszuposaunen meinen, dann kommt nur der Stuss heraus, den alle hören wollen und können. Schlimm ist es im Politischen, wenn diese Figuren ihre ihnen objektiv erscheinende Objektivität – realiter eine subjektivistisch erhöhte Richtertätigkeit – ausüben.

So muss man dann hören, dass die Rivalität der Weltmächte China und USA als irgendwie gleichwertig gesehen wird, ohne dass auch nur auf die spezifischen Bedingungen und Bindungen dieser Mächte Rücksicht genommen wird. Eine Objektivität, die nie eine ist, da sie alle Handlungen mit arithmetischer Sicherheit aufteilt und diese Gleichung regelmäßig null ergibt; dass solche Objektivität, die Taten eines wie immer fehlbaren aber politisch und moralisch – und sei es durch die eigene Bevölkerung – einholbaren Hegemon, nicht dasselbe sind, wie die Handlungen einer aggressiven Diktatur – deren Einhegung wiederum die erste Supermacht zum durchaus wahrgenommenen Glück vieler nicht nur asiatischer Staaten sichert -, wird hier in Blümchenwiesenmoral aufgelöst. Jede solche Objektivität, die eine Demokratie und eine Diktatur gleichstellt, will natürlich die Demokratie schwächen, ist ein Mittel, seinen Hass der Kritik zu entheben, da sie sich als Objektivität bloß tarnt. Hier spiegelt sich ferner nur die deutsch-europäische Überhobenheit, die überall dort moralisch Gerechtigkeit fordert, wo sie nicht mitsprechen kann. Sie verlangt stets in dem Moment die globale Gerechtigkeit, wenn die bürgerliche die gerechtere wäre. Dass die USA auch dort, wo sie nicht demokratisch agieren kann, eben als Hegemon gegenüber anderer Staaten, viel für die bürgerliche Demokratie getan hat, ist ja nicht nur im und nach dem 2. Weltkrieg deutlich geworden.

Aber dieselben Personen haben natürlich auch eine Meinung zu Israel und der Hamas (die sie sich immer mit „Palästinenser“ übersetzen, da diese zur Hamas als ihrer Vertretung ja quasi natürlich gekommen sind), in welcher sich dasselbe Muster der falschen Gleichsetzung spiegelt und die sich aus einem uneingestandenen und man mag schon fast zugeben: bewusstlosen, aber festsitzenden Antisemitismus speist. Diese Einigkeit der europäischen Bürger mit ihren Regierungen ist von der österreichischen Regierung offensichtlich gebrochen worden (eine israelische Flagge zu hissen, wenn Israel von Terroristen angegriffen wird, geht zu weit. Zumindest aber hilft hier der Konservative [Außenminister Schallenberg, ÖVP] dem Linken dabei, zu wissen, wo man steht), denn diese Solidarität mit dem israelischen Staat macht diese liberal-linken Bürger wütend, ihre Ignoranz wird dadurch herausgefordert und schnell werden geordnete Bahnen wieder hergestellt: Alle sind gleich böse, Israel, in unfehlbarer Opfermathematik, daher ein bisschen mehr. Man kann diesem globalen und intellektuell verwahrlosten Kleinbürgertum zwar böse sein, aber das ist vergebens, denn es hat seine Informationen vom sozialen Netzwerk oder einem der stupenden Comedians, denen es so gerne folgt und die zu seinem Sprachrohr heruntergekommen sind, und welche es als verlässlicher wie die herkömmlichen Nachrichten einstuft; das letztere mag zwar stimmen, aber ist ein Urteil gegen die Nachrichten nicht für die Comedians.

Die andere Quelle des Wissens für diese Kleinbürger ist die der praktischen Erfahrung, die in so theorielosen Zeiten so hoch geschätzt wird. Die zeigt ihnen regelmäßig beim Besuch der exotischen Länder, dass alle Menschen sind – was denn sonst, fragt man sich, welche geheime Theorie wurde in ihren Köpfen hier widerlegt? Dass es gerade die Selbstidentifikation der Individuen mit den jeweiligen Ethnien – um nicht zu sagen: Rassen – ist, die vielleicht die ewige Herausforderung Israels (und uneingestandenermaßen zunehmend auch Europas) erklären könnte, dieser Gedanke kommt ihnen nicht; wiewohl gerade ihr Hass auf Israel dieselbe trübe Quelle hat: der Gedanke, es könnte natürlich angestammte Gebiete für ein Volk geben. Es wird Israel nicht verziehen, dass es ihnen die Künstlichkeit der Staaten offenbar machte, es wird diesem Israel nicht verziehen, dass es die „Natürlichkeit“ der arabischen Länder ihrer Lüge überführte, es wird ihm der Rassismus unterstellt, der doch gerade in seinem Fall keiner ist, sondern diese (ja sehr beschränkte) staatsrechtliche Bevorzugung des Juden als Ergebnis und Notwendigkeit des globalen Antisemitismus figuriert, eben die Zufluchtsstätte für den Juden zu sein. Diesem bürgerlichen Land, wird die Verteidigung seiner Bürger zu dem Vorwurf gemacht, der die islamischen Bruderhorden, die ihre Rasse und ihre Religion zu einem unentrinnbaren Gefängnis für alle unter ihrem Kuratel Lebenden gemacht habe, treffen sollte. Der überhebliche Europäer hat den Juden als Problem identifiziert, den er halt opportun Israeli nennt; die einen, damit sie sich endlich entlasten können, die anderen, weil sie sich die Vernichtung nicht vorzuwerfen haben und sich deshalb in aller Überzeugung als objektiv betrachten. Am Ende sind sich alle einig, die islamistischen Rackets der Vernichtung und die Europäer des Appeasements, die lieber ein Auge oder zwei zudrücken.

Dass sich unsere ahnungslosen Zeitgenossen der kleinbürgerlichen Fraktion der antisemitischen Weltgesellschaft als moralische Nachtwächter selber missverstehen, die in salomonischen Urteilen das Böse mit allem andren gleichsetzen, dient nützlich der Auslöschung aller Differenz, die sie so wenig wie der Hippie und der Nazi aushalten, weshalb sie immer alles gleichdenken oder gleichmachen wollen; das ist das Fortleben des Nationalsozialismus in der Demokratie. So endet für die Bescheidwisser die Mühsal des Denkens und sie landen nicht zufällig dort, wo alle aus dem eigenen Biotop immer auch landen; man findet sich, obwohl man sich nicht gesucht hat, und kann so zufrieden sein. Alles Vorstehende wird in die Volksgemeinschaft eingemeindet oder daraus entfernt, vorerst gedanklich, man beneidet heimlich die Völkischen um ihren Tatendrang.

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