eine intransigente Polemik
Warum dies Aufhebens um eine Sache, die die Verhärteten nicht berührt, die Unsicheren nicht festigt und die Ahnungslosen nicht erreicht, also vergebens ist? Ich kann es nicht sagen, aber dem dumpfen und schleichenden Wahnsinn kann man nicht immer nur schweigend entgegentreten. Schweigen wäre hier tatsächlich Zustimmung.
Wie dem auch sei, man fragt sich, ob es die höheren Weihen der österreichischen Sozialpartnerschaftlichkeit sind, die falsche Befriedung der Kapitalverhältnisse also, die auch andere Bereiche ankränkelt und einen Artikel, wie im Tagebuch 5/2021 erschienen („Aus dem Gestrüpp von Emotion und Propaganda“, eine – wie man hinzufügen könnte – Leugnung des Antisemitismus) – immerhin einer Zeitschrift, die, zumindest formal, „Zeitschrift für Auseinandersetzung“ im Untertitel stehen hat – unwider- oder überhaupt unbesprochen lässt. Das wäre bei aller Grauslichkeit noch die sympathischere Entschuldigung für das Schweigen, wiewohl eine – den heimischen Verhältnissen durchaus entspringende – naheliegendere Erklärung wohl lautet, dass dem Geschriebenen alle zustimmen. Oder, munter vermittelt mit dieser Erklärung, ist aller Voraussicht nach auch die gültig, dass die meisten Leser des Tagebuch – über diese kann man zumindest so viel annehmen, dass sie der üblichen Durchschnittsmeinung des zumindest deutschsprachigen linken und bürgerlich-liberalen Feldes weitestgehend entsprechen – ihre Ahnungslosigkeit mit desto stärkerer Überzeugung wettmachen. Jedenfalls kann solch ein gemeinhin als kontrovers – oftmals bloß das Chiffre und Vehikel für unmenschliche Äußerungen – tituliertes Thema nicht disparat für sich stehengelassen werden, vor allem, wenn „aus dem Gestrüpp von Emotion“ nur Propaganda herausfällt. Warum so etwas, also die Werbung für eine antisemitische Organisation wie BDS (Boycott, Deinvestment, Sanctions), überhaupt gedruckt wird, zeigt mit welch vernebelten Verstand linke Redaktionen so manchen Artikel durchwinken; das Tagebuch ragt hier – und das ist keine Entschuldigung – nicht heraus.
Es war ja historisch für das bürgerlich-liberale Segment der Gesellschaft nie schwer, auch und gerade dort, wo es sich irgendwie links verortet, Israel gründlich – und das heißt einseitig – zu kritisieren, und das hat mit den aktuell letzten Raketenangriffen auf Israel wiedereinmal altbekannte und ermüdende Höhen erreicht. Für große Teile des halbgebildeten westlichen Kleinbürgertums, das in Medien und Pädagogik die Führung innehat (also, die die das Wort „links“ für sich gepachtet haben und blind ihrer vermeintlich liberalen Ideologie folgen, mit der sie ihre gesellschaftlichen Machtstellungen schönreden), sind Comedians vom Schlage John Olivers und Trevor Noahs, die mit viel persönlichem Mut ihre allgemein gewussten Wahrheiten über Israel in schäumenden rants an ihr Publikum zurückspiegeln, letztlich die Quelle ihres Wissens über die Welt. Die darin sich zeigende nützliche Geschichtsvergessenheit und strenge Gegenwärtigkeit solcher institutionalisierter Israelkritik erleichtert natürlich ungemein, den perennierenden Zweifel an der Rechtmäßigkeit Israels als Staat hochzuhalten, und zeitgleich erlaubt es den Leithammeln jener modernen Formen des Nichtwissens in ihrem Mumm sich zu gefallen, gegen das imaginierte Verbot der Israelkritik (die Phantasie von der jüdischen Lobby?) „aufzubegehren“. Israel muss böse sein, weil es ihnen mächtiger als seine Gegner vorkommt (und zum Glück zum Teil ist); und – das wissen die (klein-)bürgerlichen Schichten linker Provenienz allemal – reale politische Macht, von der sie doch heimlich träumen, ist böse (zumindest in Hand der Juden und Imperialisten), nicht die kommunikative, die sie innehaben und mit der sie alle quälen.
Diese liberal-bürgerliche Managementklasse braucht natürlich auch ihre „denkende“ und ideologische Elite (die sie anscheinend noch nicht genügend im antizionistischen Blätterwald von Guardian und Le Monde findet), auf die jene sich in Zeiten abnehmenden Verstandes stützt, und die ihre Ressentiments und gefühlten Wahrheiten mittels antiimperialistischen Denk- und Sprechmarken verschriftlicht, damit sie dann in kleineren gefühligen Häppchen youtubegerecht disseminiert werden können.
In solch trüben Gewässern also fischt der besagte Artikel, wenn die ältere Deklaration zum Antisemitismus der International Holocaust Remebrance Alliance (IHRA) mit selbstverliehener wissenschaftlicher Autorität – die man doch mehrmals und etwas verdächtig in der neuen Deklaration der Jerusalem Declaration of Antisemitism (JDA) bemühen muss – als nicht treffsicher genug und zu sehr auf Israel bezogen diskreditiert wird; als würde nicht die globale Ungleichbehandlung des jüdischen Staates die aktuelle und, zumindest in europäischen Meinungsseilschaften (noch) unaufrichtige Form des Antisemitismus darstellen (die hanebüchene Behandlung Israels durch die UN, im deutschsprachigen Raum als Institution der unabhängigen Weltgemeinschaft belegfrei eingebildet, spricht ja Bände). So delegitimiert brauchte es eine neue Deklaration, die der Autor, werbewirksam im Tagebuch an ein vermutlich sympathisierendes Publikum gerichtet, natürlich unterzeichnete.
Bekanntermaßen wissenschaftlich verbrämt beginnt dann das alte Spiel der Klitterung der unbequemen Realität: Unterschlagen wird im Artikel natürlich gleich von Anfang an, was explizit in der (alten) IHRA-Deklaration steht, dass Kritik am israelischen Staat nicht als Antisemitismus zu bezeichnen sei, aus naheliegenden Gründen unter der festgehaltenen Voraussetzung, dass sie nicht von einem Doppelstandard und Delegitimation gekennzeichnet ist. Israel kennt dieses Spiel mit freundlichen Masken zur Genüge, die europäischen Staaten sind diplomatische Taktierer in diesem Spiel der gezielten, absichtlichen und systematischen Sonderbehandlung Israels. Eine Erklärung, die das nicht aufnimmt, will oder kann nur wollen, dass die Souveränität Israels fortgesetzt unterminiert wird. Dass diese Formen der beliebigen Wahrheitserzeugung bei ihren Protagonisten keine Scham mehr erzeugt, zeigt die Sicherheit ihrer gesellschaftlichen Positionen und Stellungen, von welchen aus sie dieser Strategie „diskursiv“ folgen.
Eine glatte und ziemlich kühne Lüge liest man – und das wirft ein Schlaglicht auf die Intentionen des Autors – in der Behauptung, die IHRA-Deklaration mache den Antisemitismus mehrheitlich bei den Linken und Muslimen aus. Das steht keineswegs in der Deklaration. So ganz falsch andererseits – und das wissen alle – wäre es natürlich nicht gewesen, was der Autor wohl ahnt und präventiv abwehren möchte. Dann spricht er weiter ganz frei vom zionistischen Projekt, wohlwissend welche Konnotationen dieser Begriff freisetzt, weil der Zionismus seinen alten Glanz verloren hat und schon das Wort die Verbindungen zum Kolonialismus im zugerichtet aufgeklärten Bürgergehirn wachruft, während, um auf der Klaviatur dieses intentionalen Antisemitismus weiterzuspielen, auch noch das Wort „Projekt“ verwendet wird, um den unbeliebten Staat gleich begrifflich auszulöschen, wozu politisch (noch) die Macht fehlt. Einen bürgerlichen Staat zu diskreditieren, der auch schon mehr als 70 Jahre alt ist, ist das Programm der Antizionisten. Dieses „Projekt“ wird dann ganz unschuldig auch gleich Siedlungsunternehmen genannt, was sich dann flugs eine halbe Seite und um die hundert Jahre später zum Siedlungskolonialismus ausweitete, damit auch jeder weiß, welche bösen Pläne da immer schon essentiell angelegt waren, als Juden neben Arabern siedelten; dass ein paar dieser Juden schon zuvor da waren, die Araber (Christen wie Muslime) auch immer schon prächtig mit den Juden Geschäfte zu machen verstanden und aufgrund dieser Geschäfte – die immer auch zivilisierende weil rationalisierende Wirkung auf die Subjekte haben – auch darüber hinaus gesellschaftlichen Umgang hatten, ist bloße Geschichte und uninteressantes Detail. Die gelegentlichen antijüdischen Pogrome im arabischen Raum nicht verschweigend, intensivierten sich in den 30er Jahren unter glühendem Propagandaeinfluss der Nazis und ihrer Kollaborateure im arabischen Raum (herausragend natürlich Mohammed Amin al-Husseini) die antisemitischen Vertreibungen und Morde. Aber für die selbsternannten Menschenfreunde sind es die Juden, die immer schon planten, ihre zersetzenden Siedlungsunternehmen in den arabischen Volkskörper zu implementieren (was neben dem klassischen Antisemitismus auf die Rassifizierung von Herrschaftsverhältnissen im Denken mancher „Linker“ hinweist), das ist die höhere Wahrheit, die mit ein paar geschickt platzierten, unschuldigen Begriffen wohl – und man wüßte nicht, wie dieser Jargon freundlicher interpretiert werden kann – verdeutlicht werden soll. So spricht man dann auch vom „heute mächtigen Staat“, um diese Geschichtsklitterung in wenigen Zeilen auf ihr Ziel hinzuführen: böse weil mächtig. Mächtig, ja, das ist das ewige Problem des Antisemiten, waren die Juden schon immer; folglich muss es ihr Staat auch sein. Dass er mehrmals nahezu vernichtet wurde, ist im allgemeinen „Diskurs“ seltsam ausgeblendet. Dass die USA, das andere böse Land, dies bisher verhinderte, wird notdürftig antikapitalistisch formuliert der USA nicht verziehen. Dann wird natürlich 1967 hervorgekehrt, als endlich der Jude nicht mehr Opfer war und seine tiefsitzenden bösen Absichten verdeutlicht hatte, als er also nicht mehr auf den Angriff wartete, sondern zuerst zuschlug (Jom Kippur natürlich wird nicht erwähnt oder, wie anderswo getan (Le monde diplomatique 06/2021), besonders perfide, als gerechter Krieg, um die „eigenen“ verlorenen Gebiete wiederzugewinnen, dargestellt). Hier, im Sechstagekrieg, zeigte sich endlich der Kolonialismus und die Okkupation, für die der Jude diesen Köpfen halt wesenhaft bestimmt scheint, spätestens seitdem dem ewig staatenlosen Juden nun seine Staatlichkeit von den marodierenden Banden in Palästina und anderswo, sowie von den linksintellektuellen Staatshassern in den USA und Europa ohne stringente Theorie der Staatlichkeit (die ohne unverkürzte Kapitalismuskritik nicht zu haben ist), vorgeworfen wird. Und die unsäglichen antisemitischen Auswürfe der 68er-Linken und ihres Gefolges, ihre Zusammenarbeit mit antisemitischen, arabischen und islamischen Mörderbanden wird hier ganz beiläufig als positive Entwicklung gesehen. Immer wenn Israel die Kriege, in denen es angegriffen wird, gewinnt, wird es verurteilt. Wenn es diese Gebiete ihrer eigenen Verwaltung unterstellt, erschafft es – aber nicht etwa Ägypten – Gefängnisse (Gaza), ansonsten ist es Besatzungsmacht. Was mit den in Geiselhaft gehaltenen verewigten palästinensischen Flüchtlingen in den arabischen Staaten oder Gebieten unter arabischer Verwaltung geschieht, ist ohnehin nicht von Bedeutung.
Israel lebt unter der Vernichtungsdrohung des Irans und der benachbarten, vom schiitischen Wahnregime finanzierten Terrorgruppen. Die europäischen Verbündeten dieser islamischen Regime wünschen verkappt und verhüllt aber nicht unmerklich, dennoch ganz unschuldig, dass es Israel besser nicht gebe, damit endlich Frieden sei. Und wenn es sich erfolgreich verteidigt, dann werden ihm die geringen israelischen Opferzahlen (im Übrigen arabische wie jüdische) noch von der Rechtmäßigkeit seiner Verteidigung abgerechnet. Daher wird all diese Realitäten zu benennen, interessiert als Rationalisierung der ewigen Wahrheit des bösen Juden mißgedeutet. Und noch die hässliche antisemitische Haltung von Teilen der amerikanischen Studentenschaft wird als glücklicherweise mangelnde Zuhörerschaft für das böse „zionistische Projekt“ umgedeutet und den Israelis und Verteidigern des Staates Israel bloße Denunziation dieser antisemitischen Internationale unterstellt. Die antisemitischen Topoi häufen sich noch weiter: Araber, ja Muslime insgesamt sollen vom Vorwurf des Antisemitismus freigesprochen werden, da ihr Judenhass als durch Besatzung und Besiedlung legitimiert sei, was sich aufgrund der dahinterliegenden Vorstellung vom islamischen Kollektiv mit quasi natürlich zukommendem Land immer behaupten lässt und außerdem als Kausalität geschichtlich schlicht falsch ist.
Im Gegensatz zu den meist noch verdrucksten Aussagen der europäischen und angelsächsischen Antisemiten sind die islamischen Antisemiten aber nun doch eher unverhohlen in der Feilbietung ihres Antisemitismus, die schon mal offen die Vernichtung von Israel fordern, sich über die Europäer lustig machen, die jeder zugestimmter Friedensverhandlung in ihrem blinden Appeasement tatsächlich als Friedenssicherung sehen oder bis tief in das kulturelle Programm und die schulische Enkulturation den Juden als Ventil und Ableitung für die, von arabischen/islamischen Potentaten unterdrückte Bevölkerung anbieten; was aufgrund der ökonomischen und politischen Lebensenge und dadurch ständig köchelnder Wut von jener Bevölkerung in seiner Sündenbockfunktion auch willkommen geheißen wird. Dies dann als entlastende Übertragung der Tätergesellschaften auf Muslime und Araber zu identifizieren – wie im Text im Tagebuch geschehen – ist sophistische Trickserei, die zweierlei will: Sie befreit die Muslime und Araber ganz allgemein von der Verantwortung gegenüber dem in ihren Ländern grassierenden Antisemitismus und macht den Antisemitismus zu einer originär deutschen, die er ja schon in den 30er Jahren nicht war, nicht einmal in seiner eliminatorischen Form (man denke an die teils eifrigen Hilfsvölker, von denen die Araber ja auch eines waren), und vor allem bloß historischen Erscheinung. Wollte man Araber oder Muslime nicht als kulturellen oder gar rassischen Block sehen, müsste man sie endlich darin unterstützen, ihre wahnhaften Terrorfürsten und Regime loszuwerden, die ihnen ja nicht natürlicherweise – wiewohl auch nicht ganz unschuldig – zueignen. Die sind schließlich die Geißel der Palästinenser (und eben nicht nur ihre) seit den 30er Jahren des 20 Jahrhunderts; nicht das kleine Gebiet, das den jüdischen Siedlern ursprünglich und geschichtlich zufällig im UN-Teilungsplan gegen den Willen der intrigierenden Mandatsmacht Großbritannien und der benachbarten arabischen Regime gegeben wurde, und das durch mehrfach abgeschlagene Angriffe der arabischen Nachbarnationen, die lange nichts weniger wollten als einen arabischen Staat Palästina (warum auch, wenn man glaubte sich die Gebiete unter den Nagel reißen zu können), sich stetig vergrößerte.
Ein paar Schmankerl direkt aus der so wunderbaren JDA, auf die sich der Autor so stolz stützt, sollte man aber dem geneigten Leser nicht vorenthalten, damit jeder weiß, welch Geistes Kind sich hier, nachtwandlerisch seinen zeitgenössischen Möglichkeiten sicher, in die öffentliche Diskussion drängt: Dass das aktuelle Gebilde der Palästinensischen Autonomiebehörde nun Staat genannt wird (von Österreich und einigen anderen europäischen und weiteren Nationen allerdings nicht anerkannt) – wiewohl sich darüber streiten lässt, ob von einem solchen organisatorisch und verwaltungsrechtlich gesprochen werden kann –, während die arabischen Nachbarnationen einen solchen mehrmals erfolgreich verhindert haben, weil mit einem jüdischen zusammen wollten sie dieses vergiftete Geschenk nicht annehmen, ist eine Sache. Und nur aus ideologischen Zwecken des Kampfes gegen Israel wurde diese Anerkennung überhaupt betrieben, nur um diesen endlich internationalisieren zu können (Was etwa Mahmoud Abbas ja nie verschwiegen hat), um Israel an den Pranger des internationalen Strafgerichtshof zu stellen.
Auffallender jedoch, weil stinkender, ist dann aber, dass, zweimal abgewandelt, die Wendung vorkommt, die von den Träumern der Vernichtung Israels so gerne verwendet wird, diejenige vom „Fluss bis zum Meer“, das Gebiet, das der respektive Träumer so gerne von den Juden befreit hätte. Hier brechen die Wünsche dann doch ungesteuert an die Oberfläche durch. Dass außerdem die Kritik am Zionismus keine Kritik am Nationalismus ist, sondern eine am Bestehen des „zionistischen Projekts“, dürfte den Autoren der JDA klar sein, auch wenn man es vorerst anders verkaufen muss. Dass dieses „Projekt“ gutteils aus dem europäischen Antisemitismus erwachsen ist, der außerdem aktiv in den arabischen Raum exportiert wurde und dort durchaus auf fruchtbaren Boden fiel, ist auch kein Geheimnis mehr. Dass die Rede von dem einen Staat antisemitisch ist, weil sie die Vernichtung der Juden in einer mehrheitlich arabischen Nation mitdenkt, das wissen die verantwortungslosen Verbreiter solcher Aussagen sehr wohl.
In den Vergleichen Israels mit dem Apartheidsstaat Südafrika weht der Wind Durbans durch den Text der JDA, denn der Vorwurf des Kolonialismus an den geschichtlich ja wohl eindeutig antikolonialistischen Staat wird als nicht „per se“ antisemitisch eingestuft. Das Kantsche Noumenon dient hier wohl bloß dazu, dass man sich objektiv geben kann, als wäre man nicht von dieser Welt; man kann hier nur gut hegelianisch sagen: „An und für sich“ sind solche Auswürfe selbstverständlich antisemitisch. Dass man einen Nachbarn mit Vernichtungswünschen und seinen zahlreichen Versuchen diese umzusetzen, nicht ignorieren kann, zumal ihm ja nur seine mangelnde militärische Macht diese Umsetzung dauernd verleidet, hat mit Apartheid freilich nichts gemein, eher mit der Ratlosigkeit, wie man den überhitzten Ideologen der Lebensfeindlichkeit beikommen kann, die die palästinischen Gebiete terrorisieren und im Westen viel zu viel Appeasement und Unterstützung erfahren.
Wollte man wirklich bessere Bedingungen für die Palästinenser, würde man die benachbarten arabischen Staaten in die Pflicht nehmen, den Antisemitismus in diesem Raum bekämpfen, gegen die Autonomiebehörde, die Hisbollah, die Fatah und die Hamas usf. politisch und militärisch zu Felde ziehen und ja, den UNRWA endlich dort rauswerfen. Welcher andere Staat muss sich eine dauernde Kritik seiner Gründung vor der voreingenommen Weltgemeinschaft gefallen lassen? Und wie soll – das deutschsprachige Ohr hört vielleicht noch ein paar Missklänge – ein global verlangter Boykott jüdischer Waren nicht antisemitisch sein? Anscheinend „per se“ nicht, da die Unterzeichner halt bloß unterschiedliche Ansichten zur antisemitischen Bewegung BDS haben. Also, übersetzt in ehrliche Sprache, die Träger dieser unterschiedlichen Ansichten noch zaudern, wie weit man schon gehen darf. Aber in einer Zeit, wo man Adornopreise für solches Denken bekommt, wird wohl der boshafte Zauderer immer selbstsicherer, bis er in die Mördergrube seines Herzens endlich die ganze Welt werfen kann.
Schließlich wird der Antisemitismus mit dem interessanten Argument verteidigt, man könne in Auseinandersetzungen nicht immer maßvoll sein, was zu nichts weniger als der offenen Zustimmung von Vernichtungsdrohungen führt, weil der – und hier wird die eigentlich so kritisierte westliche Überlegenheit nun tatsächlich unerbittlich – Araber (die Muslime oder welches als Opferkollektiv imaginierte Revolutionssubjekt auch immer) ja nicht anders können, angesichts des Horrors der „Besatzung“. Hier wird dem stets als unentrinnbares Kollektiv vorgestellten kulturellen Blöcken tatsächlich die Unfähigkeit attestiert, Verantwortung für Wort und Tat zu übernehmen, oder diese Unfähigkeit zur Selbstverantwortung wird aus den mystisch überhöhten Unterdrückungserfahrungen quasi deterministisch abgeleitet.
Nichts des hier Gesagten ist neu und man fühlt sich gewissermaßen als eklektischer Kopist der von den wenigen auch linken Aufrechten vorgebrachten Argumente, aber so ist auch an dieser Diskussion nichts neu, wie auch nichts Wesentliches neu ist am Antisemitismus, der für immer das blinde Ressentiment und zugleich dessen Rationalisierung von der sich als natürlich vorstellenden Völker gegen den als universal imaginierten, das Mehrwertgeheimnis besitzenden Juden sein wird, und so zugleich gegen die Idee und Wirklichkeit der bürgerlich-kapitalistischen Zivilisation, ein Ressentiments, dass sich als Antikapitalismus der dummen Kerls vordringlich gegen Israel wendet, dem jüdischen Staat. Als jüdischer zieht er seine Legitimation aus Verfolgung, Mord, Vertreibung und dem Holocaust, was ihm dann noch als Künstlichkeit vorgeworfen wird und den Antisemitismus (in Form des Antizionismus) auch der Linken antreibt. Es wird diesem Staat nicht verziehen, das Brandmal des Scheiterns der Aufhebung des Kapitals zu sein, wie „der Jude“ zugleich als dessen Verkörperung imaginiert wird. Und so kämpft sich im Spätkapitalismus langsam aber sicher die Avantgarde des managerialen Kleinbürgertums im Strom der vom Kapital erzwungenen Auflösung des Staates blind und ertrinkend in eine Racketwelt vorwärts. Das ist ihre Überwindung des Kapitalismus und des bürgerlichen Staates. Israel ist so bloß das Emblem, das stellvertretend für die Restvernunft gehasst wird, die im bürgerlichen Staat mehr schlecht als recht zumindest als Idee festgehalten wird.
Der Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus existiert inhaltlich nicht, einzig in der Form der je aktuellen Präsentation behauptet er sich. Die Kritik an dem Bestehen des „Juden unter den Staaten“ ist eben eine an seinem Bestehen, nicht an seinen Taten, die allenfalls von seinen globalen Kritikern vorgeschoben werden, wenn sie sich um eine „rationale Zurückhaltung“ in den westlichen Medien bemühen müssen, die dennoch zunehmend ausbleibt.
