Le Monde diplomatique und der akzeptierte Antisemitismus

Man muss schon der Herausgeber des aus tiefster Seele postkolonialistischen Blattes Le Monde diplomatique sein, um offen-versteckt die Auslöschung Israels fordern zu können, ohne dass dies jemanden in dieser Echokammer noch wegen seiner Außenwirkung bekümmern würde. Dieses Engagement fürs Irrsinnige weist auf die Reife der Saat hin, die sie so lange säen. Dass dies auch außerhalb dieser selbstverstärkenden Blase niemand tut, liegt leider nicht daran, dass diese Zeitung niemand mehr lesen würde, sondern wohl an der Müdigkeit der wenigen Vernünftigen. Alain Gresh, der hässliche Schreiberling des hier Kritisierten, ist jedenfalls einer jener „Linken“, die immer zu den „Schwachen“ halten und den Imperialismus in den USA, aber vor allem den Kolonialismus einzig in Israel wittern und ihre sprichwörtliche Feder, ihrem Leser prophetisch aufs Maul zu schauend, mutig erheben, welches jene immer mehr aufreißen.

Schon im Nachrichtenkopf möchte er daher die vollen Rechte der Palästinenser im Staat Israel. Dass sie dem gar nicht angehören, ficht ihn nicht an, er verlangt also die erzwungene Aufnahme einer im Vergleich zur israelischen eminent großen Bevölkerungsgruppe, die an den Grenzen zu Israel ja nur lebt, weil die arabischen Staaten einem weiteren arabischen innerhalb Palästinas so oft nicht zustimmen wollten, dass ihnen keiner mehr angeboten wurde und die palästinensischen Flüchtlinge zugleich in den arabischen Ländern – von denen die Leser der Le Monde diplomatique ja meist nichts wissen, der Tatsachenverdreher Gresh aber wohl – immer bloß als, wenn inzwischen auch vergiftetes, Faustpfand galten. In den umstrittenen Gebieten von Israel leben ca. 5 Millionen Menschen, die israelische Bevölkerung besteht aus ca. 9 Millionen Einwohnern (wobei knapp unter 2 Millionen arabische Bürger mit vollen Rechten). Aus den Kehlen der Vertreter – und oft genug auch aus denen der Vertretenen – dieser 5 Millionen Menschen aus den palästinensischen Gebieten hört man den dringenden Wunsch der Vernichtung Israels. Wenn Israel, dem Schutz seiner Bevölkerung verpflichtet, Schritte setzt, dies zu verhindern, wird ihm Rassismus unterstellt. Das also ist das geistige Medium, in dem sich ein Gresh bewegt, eines, in dem die kaum verhohlene Vernichtung eines bürgerlichen Staates durch diejenigen aggressiven Opfer, die alles Lebenswerte auslöschen möchten, bis nur noch die zugerichtete Lebensfeindlichkeit sich äußert, normal ist. (man frage einmal, wie viele Juden in den Palästinischen Autonomiegebieten [vor allem Gaza] leben und warum denn dort eben keine leben; oder frage auch nach den Juden in arabischen Ländern).

Sicher, Gresh ist immerhin bereit, auch die Version eines eigenen Staat für die Palästinenser zu fordern, den sie eigentlich ja quasi haben, auch wenn er nicht funktioniert, wofür ihm, so steht zu vermuten, ja nur die Israelis verantwortlich sein können.

Ein Übersetzungsfehler wäre dem Lektorat der Le Monde diplomatique, ein Fehler im Original wäre Gresh anzukreiden. Man weiß es nicht. Aber es kann jedenfalls nicht heißen: „…überrascht können nur diejenigen sein, die das mediale Schweigen über die Situation als stilles Einverständnis der Opfer missverstehen.“; hier würden die Opfer die Medien sein, die durch ihr Schweigen mit sich selber einverstanden sind. Denn warum sonst sollte man das Schweigen der Medien als Einverständnis der Opfer missverstehen? Heißen soll es wohl, dass man das mediale Schweigen als Einverständnis mit den Opfern missverstehe, und nur deshalb, aufgrund dieses Missverständnisses, überrascht sein könne. Aber es gab kein mediales Schweigen, das hat nur Gresh vernommen. Und dieses Schweigen, das es nicht gab, sieht Gresh wohl nicht als Einverständnis mit den Opfern, sondern als globale Ablehnung der Palästinenser. Da es aber weder ein Schweigen gab, noch das beredte Eintreten der linksliberalen bis linken Medienlandschaft in den meisten westlichen Staaten für die palästinensische Sache (die ja, zumindest bei ihren amtlichen Vertretern, der Tod Israels ist, nicht eine wie auch immer geartete „Befreiung“ der Palästinenser) tatsächlich für ein Nichteinverständnis mit den Opfern missverstanden werden kann, ist das zumindest der einseitigen Lektüre von oder der gewollten Falschinformation durch Gresh – die ihm inhaltlich oder dem Lektorat durch falsche Grammatik gelang – zuzurechnen. Vielleicht meint er, dass das Schweigen der Opfer in den Medien, also in den allen nun unmittelbar zur Verfügung stehenden sozialen Medien, nicht das Einverständnis der Opfer mit ihrer Situation bedeutet. Aber diese sich prospektiv als Opfer verkaufenden Palästinenser schweigen ja niemals über ihre Situation. Man muss das etwas kleinliche Raten hier abbrechen und sich der Unklarheit beugen.

Eingeleitet mit schriller Partitur ändert nun der hohle aber gefährliche Gesang von der Bösartigkeit der Juden zwar seine Melodie, aber nicht sein Thema; und man liest nun Unwahrheiten und erkennt die alte Aneinanderstellung von Fakten, die so die benötigte Bedeutung verliehen bekommen, die keine Tatsache je an sich haben könnte.

Es beginnt mit der schlichten Lüge über die „unrüttelbaren Tatsachen“ der jahrzehntelangen israelischen Besatzung, der Missachtung von Grundrechten und dem Bestreben, die Palästinenser von ihrem Land zu vertreiben. Selbst gemäß der Israel ja nicht gerade freundlich gesonnenen UN sind diese umstrittene nicht besetzte Gebiete; immer wieder vergisst der voreingenommene und tapfere Linke, dass Israel 1967 einem Angriff zuvorkam und 1973 unter Aufbietung aller Reserven einen fatalen zurückschlug. Dem Linken der Le Monde diplomatique und immer mehr der ganzen westlichen Meinungsführerschaft des liberalen (Klein-)Bürgertums gilt der Araber als das Sinnbild des Widerstandskämpfers, wie auch der Islam insgesamt als eine Art letzter Widerstandshorst gegen den Kapitalismus auftritt – und nicht, was der Wirklichkeit zumindest nahekommen würde, als Zeichen eines sich nie zum bürgerlichen Staat entwickelten Fellachentums, das sich munter, unter den globalen kapitalistischen Bedingungen sich auflösender und in Rackets zerfallender ehemals bürgerlicher Staaten einfügt. Gresh zitiert dann de Gaulle, der den aus der Besatzung folgenden Terrorismus schon 1967 vorausgesagt hätte. Aber der Terrorismus auf israelischem Boden ist älter und der internationale ebenso, der Terror wurde nur ab 1967 als Waffe wiederentdeckt, die nach der Niederlage 1967 und dann 1973 von den arabischen Staaten endgültig bevorzugt wurde. Die Entscheidung für den Terrorkampf lag in der Erschütterung des herrischen Überlegenheitsanspruchs der arabischen Länder und nicht in dem verzweifelten Versuch „angestammte“ Gebiete zu befreien, die man ja gar nicht hatte und welche nur in einem Israel aufgezwungen Krieg besetzt wurden. Das aus dem selben Zweck eingeführte Ölembargo und der nach Europa exportierte Terrorismus zeitigte dort überraschende Erfolge und zeigte ein peinliches Appeasement. Daher, weil er nicht sehen kann, was Terrorismus und staatliche Antwort und deren Differenz ist, erkennt Gresh beispielsweise die nur Sachschäden fordernde israelische Kommandoaktion gegen die libanesische Luftflotte 1968 als das größere Übel, nicht die terroristische Aktion der PFLP, die einen Monat lang Geiseln in einem Flugzeug hielt. Natürlich sagt das Gresh nicht selber, er versteckt sich hinter de Gaulle, aber dass Frankreich dann keine Waffenverkäufe an Israel mehr erlaubte (auch dann, wie sie dringend benötigt wurden), ein benötigtes Mittel der Sicherung seiner Existenz gegenüber den arabischen Nationen, das findet er gut.

Mit dieser knappen Wegweisung kann sich Gresh nun dem eigentlichen Problem widmen, dem, das ihm als das wesentliche Grundübel gilt, dem des Juden. Gresh ist natürlich europäischer Antizionist, er weiß, wie man reden muss, damit das europäische Publikum – (noch) zu fein in seinem grobem Geschmack – nicht sich etwa abwendet. Die „wiederholende Katastrophe“ ist ihm der Israeli und seine Regierung – solange es nicht der Jude und seine geheimen Machenschaften sein dürfen –, wo immer wieder die israelischen Sicherheitskräfte gegen die unschuldige Jugend der Palästinenser vorgehen, die sich bloß zum Fastenbrechen trafen (soll man es noch erwähnen, dass das Steinewerfen auf Sicherheitskräfte oder betende Juden nicht folgenlos bleiben kann?). Für welche Dummköpfe schreibt man solchen Ausguss eigentlich?

Dann ist es wieder einmal der „Fakt“ einer „Enteignung der Araber“ (nicht etwa die von arabischen Bürgern in Israel) nach geltendem israelischem Recht, die gezielt neben das – in bürgerlichen Staaten halt leider durchwegs bekannten – Ereignis, durch „arabische“ Viertel marschierender israelischer Rechter gesetzt wird, um einen durchgehenden jüdischen Plan des Kampfes gegen die Palästinenser, ohne allzu direkter Behauptung, quasi hinstellen zu können. Ganz so, als würde es keine Enteignungen in Europa geben und als wären die unterschiedlichen und auch unangenehmen (Gresh kann sich schließlich auch äußern) politischen Ansichten, die sich äußern können, nicht das Normale für einen bürgerlichen Staat (als würde es in Europa keine marschierenden Rechten geben). Die Frage, warum in spätkapitalistischen bürgerlichen Staaten politische Meinungen wie die der Rechten salonfähig werden, wären die eigentlichen, durchaus auch beantworteten Fragen für Linke; deren Vorhandensein als jüdische Verschwörung zu zimmern jedenfalls nicht ihre Aufgabe.

So werden im Artikel dann die brauchbaren weil guten Israelis angeführt, die die kolportierte Verletzung des heiligen Monats Ramadan, die „Schändung der Heiligtümer“ und die „Anwendung roher Gewalt“ kritisierten; dafür ist er halt gut, der Jude. Und viele der dazu Genuzten wären wohl kaum froh, von so einer Figur wie Gresh als Kronzeuge missbraucht zu werden. Das ganze Spektrum politischer Ansichten eines bürgerlichen Staates wird diesem zum Vorwurf gemacht oder gar zum „vernünftigen“ Widerstand auch der Israelis gegen Israel verstetigt; die Unmöglichkeit solcher bürgerlicher Freiheit in seinen politischen Ansichten wird der palästinensischen Autonomiebehörde vom Antidemokraten Gresh noch in nahezu Nietzscheanischer Manier (dort wo Nietzsche diese „Stärke“ des Islams erwähnt, irrt er am tiefsten über jene Eigenschaft) als Stärke ausgelegt, die endlich keine Ambiguitäten mehr habe, die auch ihm offensichtlich ein Gräuel sind; außer natürlich, diese Mehrdeutigkeiten dienen dazu, den Faschismus der islamistischen Bewegungen zu verschleiern.

Dann kommt er zum eigentlichen Kern, es ist die Haltung der Kolonisierenden gegenüber den Kolonisierten, also die Überheblichkeit der Macht, die ihn berührt. Einer Macht, deren Existenz durch und im jüdischen Staat diesem stets von denen zum Vorwurf gemacht wird, denen eben diese Macht in der Verwirklichung der eigenen Phantasie von dessen Vernichtung im Wege steht und sie gleichzeitig durch ihre Existenz stets befeuert. So sind dann die jungen Leute in Jerusalem halt bloß entschlossen, und die Jugend in den israelischen Städten, die dann bei Gresh „palästinensisch“ benamst ist, wehrt sich, weil sie und „ihre“, also die arabische Bevölkerungsgruppe keine Rechte habe. Welche genau sie nicht hat, und welche sie in den arabischen Despotien überhaupt nicht haben könnte, das fragt Gresh nicht, diese Länder sind ihm in all ihrer Rückständigkeit und Lebensfeindlichkeit wohl kulturell schützenswerte. Der Essentialismus, der in dem Gedanken von Völkern und zugehörigen Staaten, die ihnen natürlicherweise und geschichtlich zukommen, diese Wesenhaftigkeit in der politischen Wahrnehmung, ist der Linken gar nicht mehr bewusst. Sie unterscheidet sich da nicht mehr von der Neuen Rechten und ihren Konzepten vom Ethnopluralsimus. Ihre Wahrnehmung vom jüdischen Staat, an welchem sie Staatskritik zu üben glauben, ist Lüge, weil sie dem Juden ihren Staat nicht gönnen, den sie als künstliches Gebilde verteufeln.

Dann kommt Gresh tatsächlich zu sich und seinem ersten dramatischen Höhepunkt, er sieht, flankiert von Einschätzungen von Human Rights Watch und B‘Tselem – beides keine gerade neutralen Organisationen in Sachen Israel, zumindest letztere auch mit der unseligen Verbindung zur Bewegung „Boycott, Deinvest and Sanctions“ und nicht willens die Hamas eine Terrororganisation zu nennen – eine Vertreibung aller Nichtjuden am Horizont seines engen Geistes (realiter kann man das schlichtweg nicht sehen), die durch die „jüdische Kolonisation“ – also die innerhalb des jüdischen Staates – vertrieben werden würden. Was realistischer- und kaum überraschenderweise geschieht, ist eine politische Auseinandersetzung über die Rolle der arabischen Israelis, die aber rechtlich gleichgestellt sind. Es geht, und man muss das bei aller Blödsinnnigkeit der politischen Kommentatoren und ihrer Leser wieder einmal deutlich sagen, es geht also diesen selbsternannten Richtern der israelischen Sache nur darum, jede Äußerung der politischen Entität Israel und ihrer bürgerlichen Vertreter in ein genehmes Bild zu fügen; daher ist diesen Feinden der Freiheit immer die bedingungslose Solidarität mit Israel entgegenzuhalten, weil ihre „Kritik“ niemals auf das zielt, was jeder bürgerliche Staat auch an politischen Unsinn zu verwirklichen trachtet noch überhaupt Kritik am bürgerlichen Staat sein will, sondern stets die Auslöschung Israels will. Daher will sie auch gar nicht die israelischen Siedlungen nach ihrem tatsächlichen Ort unterscheiden, die rechtliche Lage und die Komplexität einer stets durch die arabische Seite ausgelöster Kriege und die teils durch international oktroyierte Gebietsabtretungen ineinandergreifender Grenzbereiche, kurz die Komplexität der Grenzen eines israelischen Staates betrachten.

Der Höhepunkt ist aber für Gresh noch nicht zu Ende, denn er muss noch die Vertreibung der „Palästinenser“ (die es nicht gab, weil es 1948 nur die Araber als Begriff und Vorstellung gab) 1948 von Lod als Warnung für die Gegenwart vorführen, bzw. diese Verbindung den Palästinensern, ob richtigerweise oder nicht muss offenbleiben, in den Mund legen. Was in Lod geschah, inmitten eines von arabischen Armeen und irregulären arabischen Gruppen losgetretenen Krieges, ist bei weitem nicht so eindeutig, und das Märchen von der einseitigen Vertreibung aus Lod hat ein paar mehr Seiten (eine davon, dass die Bevölkerung oder dort hausende Banden die Waffen ergriff, nachdem die Stadt erobert war), die mit einem Staat zu tun hatten, der in seiner Geburt für sein Überleben kämpfte. Gresh lässt das, ebenso wie die zahlreichen Vertreibungen und Ermordungen der jüdischen Siedler natürlich aus. Das tut man und muss man tun, um die historische Kontinuität der behaupteten Vernichtung der als Rasse imaginierten islamischen Araber darzutun.

Dann eben freut man sich über die palästinensische Jugend, die die Kontrolle auf den Straßen der Al-Aksa Moschee übernahm, wo doch ein paar Zeilen zuvor jeder Widerstand gegen die übermächtigen Israelis als unmöglich festgestellt wurde. Man freut sich darüber, dass der oberste Gerichtshof Entscheidungen zu Sheikh Jarrah verschob (immerhin hat Israel einen solchen Gerichtshof und die Regierung ist an diesen gebunden) und dass die Feier der Befreiung 1967 – die natürlich unter Anführungszeichen steht – die Route verlegen musste. Hier identifiziert sich jemand mit der palästinensischen Sache – und damit durchaus gegen den individuellen Palästinenser, was den Humanisten der abstrakten Gleichheit ja gleichgültig ist. Was diese palästinensische Sache ist, dafür steht die Hamas beispielhaft, die ihm folgerecht auch nur unter Anführungszeichen eine Terrororganisation ist. Sie ist in den Augen Greshs eine Bewegung der Unterdrückten, die nur zur Gewalt greifen konnte, weil sie ja mit Gewalt unterdrückt werde; Mandela und damit die Apartheid in Südafrika stehen seinen gedankenlosen Begriffsmarken Pate. So wird das für Gaza freigegebene Geld zu einem Plot von Netanyahu, um einen Keil zwischen die Palästinenser zu treiben, als hätte es keine davon unabhängigen Animositäten zwischen Fatah und Hamas gegeben. Falsche politische Entscheidungen werden dem Juden nicht zugerechnet, er hat ja immer einen bösen Plan; es war durchaus ein Irrtum der israelischen Regierung, die Hamas am Anfang zu unterschätzen, was sie allerdings lernte, das hat der Westen noch nicht überall gelernt, dass mit dem islamistischen Terror nicht zu verhandeln ist. Dass die israelische Erlaubnis der Geldlieferungen von Katar zur Hamas mehr politische Interessen berührt, als nur Abbas zu schwächen, dies überhaupt kein vordringlicher Grund sein kann, sondern hier eher der verzweifelte Versuch zu sehen ist, zumindest kurzzeitig Ruhe von der Hamas zu haben, keine humanitäre Katastrophe im Gazastreifen zu erlauben und Gaza zu erlauben den Strom zu bezahlen, der von Ramallah für den Gazastreifen zwischendurch schon mal nicht mehr bezahlt wird, dass alles, was politisch-diplomatische Feinabstimmungen unter der Not einer terroristischen Bedrohung und der Unmöglichkeit sich einer unter dem Kuratel einer feindlichen globalen islamistischen Gemeinschaft agierenden Bewegung militärisch zu entledigen – ganz abgesehen von der Unvorhersehbarkeit der weiteren Entwicklung – betrifft, wird bei Greshs Einseitigkeit natürlich unterschlagen.

Die IDF sieht er der militärischer Expertise abgängig, zumindest unfähig die Mentalität der Kolonisierten zu verstehen – also die der Terrororganisationen, die aus ihren Auslöschungsphantasien keinen Hehl machen – was ihm darin bewiesen war, dass die Hamas 2014 nicht erfolgreich besiegt wurde. Dieselbe Dummheit hörte man über die Mudschahedin oder später die Taliban, weil sie von den respektiven Mächten nicht besiegt wurden. Dass Russen wie Amerikaner etwa sich aus Afghanistan zurückzogen, da sie das Leben ihrer Soldaten früher oder auch später mehr achteten, als die Fans der Todesbereitschaft das ihrer Schützlinge, kommt solchen Leuten nicht in den Sinn. Dass der Aufstand der Bauern nichts fortschrittliches beinhaltet, auch nicht. Jede Niederlage ist Schuld des übermächtigen Juden, der die Unterdrückten – die Palästinenser sind nur Emblem dieser allgemeinen Unterdrückung – aller Länder an das zentrale Problem Israel wohl gemahnen soll.

Die Räumungen in Sheikh Jarah waren zwar rechtlich gedeckt, da die Pachtverträge abgelaufen sind. Aber das Recht interessiert den Menschenrechtler nicht, der sich eine moralische Macht in seinem Büro ausdenkt, die die Geschicke der Welt lenkt; das ist sehr deutsch.

Dann beginnt Gresh das Pferd Geschichte von hinten aufzuzäumen, sieht die Hamas, eine dezidierte Terrorgruppe, die die Vernichtung der Juden propagiert, als eine Art NGO, die gezwungen war, „ihr Gewicht in die Waagschale“ zu werfen. Mit was für einer armseligen Rhetorik hier der verachtenswerte Terror der Hamas als notwendige politische Bewegung gezeichnet wird, ist atemberaubend aber nicht mehr überraschend. Er sieht dann ganz richtig, dass die Hamas auch aufgrund die Verschiebungen der Wahlen durch Mahmud Abbas unter Zugzwang stand, beschreibt die Hamas aber ständig als rationalen politischen Akteur, wohlgemerkt eine Partei, die in ihrer Charta jeden Frieden ablehnt und ständig von der Allmacht und Verschlagenheit der Juden fabuliert, die sie brechen will, indem jeder Jude hinter jedem Baum (Anspielung auf eine Stelle im Koran in der Charta der Hamas) getötet wird.

Er geht weiter und sieht die Waffen der Hamas als Friedensstifter unter den palästinensischen Freischärlern (etwas an der Realität vorbei, weil diese Machtgruppen, wenn es um den gemeinsamen Feind weniger akut zu tun ist, natürlich wieder sich gegenseitig bekämpfen werden) und verbindet den Streik der Palästinenser und der arabischen Communities in Israel, nur um der antiisraelischen Propaganda mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es wäre jedenfalls ein Untergang für die arabischen Communities in Israel, wenn sie ihre eigenen gesellschaftliche Stellung und teils gerechtfertigten Forderungen mit der Sache der Hamas oder Fatah verquicken. Sie wissen das auch, denn der Großteil der Araber lebt sehr gerne in Israel, wie alle Umfragen deutlich zeigen.

Schließlich wirft er Israel Staatsterrorismus vor, wo es sich gegen Guerillagruppen verteidigt und macht es wieder einmal dafür verantwortlich, eine funktionierende Armee zu haben, die sich gegen einen militärisch unterlegenen aber irrationalen Gegner wehren muss. Die Zerstörung von Infrastruktur, aus der aus ein Land beschossen wird, mag politisch hinsichtlich ihres Erfolgs diskutiert werden (und das wird es in Israel), aber der Vorwurf des Staatsterrors dient der jeweilig agierenden Palästinenserorganisation nur dazu ihren relativ übermächtigen Feind alle erdenklichen Anklagen zur Last zu legen. So wird die Behauptung, es würden zivile Ziele angegriffen werden, auch von Gresh verbreitet, der genau weiß, dass die Verwendung der Gebäude nicht der offiziellen Bezeichnung entspricht.

Egal wo die Haaretz steht, sie wird nicht aufseiten Greshs stehen, der sie im Text nur nutzt, um seinen antisemitischen Unsinn loszuwerden; die von der israelischen Zeitung angemerkte Erfolglosigkeit der Taktik der IDF bedeutet ja nicht, dass die Armee per se zu verurteilen wäre, sondern nach einer besseren Lösung gesucht werden muss.

Dass Gresh unbedingt die Angst der Israeli trotz Iron Dome ansprechen muss, und mit kaum verhohlenen Stolz den Erfolg der Raketen von Hamas und Hisbollah oder gar den Houthis erwähnt, die er am liebsten in einem Joint Venture der Judenvernichtung vereint sähe, ist wohl dem Wunschtraum der Vernichtung entsprungen. Was sich bei Gresh als Fakt tarnt, ist kaum verhohlene Freude über die Möglichkeiten der „Unterdrückten“, Angst in den Bürgern Israels zu erzeugen. Dass er dabei den Iran nicht erwähnt, den Financier dieser Terroristen, ist nur zu folgerichtig. Er denkt sich Israel überlegen aber zugleich schwach dahingehend, dass es den Widerstand der Aufrechten unterschätzt. Dieses Bild würde mit dem Iran nicht so recht aufgehen. Zivilisationsmüdigkeit schlägt in solche -feindschaft um. Es geht ihm natürlich um die Vergeblichkeit Israels, die er nicht erwarten kann, während für einen vernünftigen Menschen der Untergang Israels wohl den wiederholten Untergang der gesamten bürgerlichen Restzivilisation anzeigen würde. Was Gresh und seine Freunde im Geiste eigentlich wollen, ist nicht individuelle Freiheit für alle Menschen, als die notwendige Bedingung für das Glück aller, sie wollen sich für eingebildete Kränkungen am Westen rächen, die sie irgendwie mit den „Unterdrückten“ mitfühlen. Ihre Zivilisierung muss schief gegangen sein und sie wollen dem mühsam unterdrückten Es zu seiner unvermittelten und verzerrten Freiheit verhelfen, daher fühlen sie sich den rückständigen Kämpfern antiquierter und gleichzeitig allzu moderner Verhältnisse wohl so verbunden.

Schließlich mindert Gresh die diplomatischen Erfolge Israels, das mit manchen arabische Staaten, die noch Restrationalität aufbringen können, durchaus Abkommen trifft. Gresh aber ist die rassische Internationale der arabischen Welt, also der antisemitische Pöbel näher, wo er in seiner üblichen Verdrehung wieder einmal den endemischen Antisemitismus der Ägypter als Folge, anstatt als lange gepflegte Ursache der Feinschaft gegen Israel erkennen könnte.

Es ist kein Wunder, dass Gresh dann auch so hässliche Linke wie Ocasio-Cortez aus den USA zitiert, die mit anderen der Meinung ist, Israel habe den Kreislauf der Gewalt angezettelt und sei eine Besatzungsmacht, betreibe Apartheid und Ethnonationalismus. Die Kongressabgeordnete der linken Welle gegen Trump muss ihrem ahnungslosen Publikum halt gefallen, und Gresh schreibt wohl auch nur als Sprachrohr der, wohl richtig vermuteten Meinung seiner linksliberalen Leserschaft, nicht im Versuch einer Wahrheit sich zu nähern.

Am Ende, in vollkommener Verdrehung der Tatsachen, wie diese braven Antizionisten es immer tun, spricht Gresh davon, dass die Palästinenser nicht von der Landkarte verschwinden sollen, als hätte das irgendeine israelische Regierung je behauptet, und nicht die Hamas und die Fatah und so manches islamische Regime sich für die Juden seit je gewünscht.

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