Krai

Ein Film (von Aleksey Lapin) wie ein Traum der die Realität ist, schön und alpdrückend zugleich. Bilder in schwarzweiß, die trostlos und zugleich weit wirken, ein zufälliges Dorf, abgeschieden und doch von der Moderne geschlagen, in der nur wenige feste Gestalten sich tummeln. Die vorsichtige Näherung an eine Welt, trifft auf die Trostlosigkeit von einer von der Nähe zurückschreckenden Zerbrochenheit, was erschaudern macht. Das Zusammensitzen der liebenswert entgleitenden Figuren, die im Dunkeln der Liebe sich für einen Moment ermächtigen, sodass das grelle Helle der Welt für einen Moment verschwinde, deutet eine verlorene Welt an, die sich nicht durch Flucht vor der vorhandenen bewahren ließe. Davon zeugt das ironische Lied auf verlorene Revolutionen, der Schmach von verlorenen Hoffnungen, ohne die kein Leben leben kann.

Es ist wie eine dunkle Allegorie, die den trostlosen Krieg im Osten Europas unter dem Auspizium einer Verlassenheit, die nur die leere und formelhafte Aufwallung von Eroberungsgelüsten erreicht, die niemand recht haben will, außer einer fadenscheinigen Elite. Diese Figuren in dieser traumlosen Traumlandschaft, sind so ausgehöhlt, dass es vielleicht nicht schwer fällt, ihr leeres Sehnen nach Besseren, auch in der nationalen Aufwallung aufgehen zu sehen, so dass die Leere noch einmal Gefühl hat, bevor alle wieder in die Alltäglichkeit zurücksinken, wo niemand tut, was zu tun wäre. Menschen, denen seit Jahrzehnten nichts an Versprechungen erfüllt wurde, so dass keine lauten Hoffnungen mehr bleiben, solch bloße Gestalten wird hier mit einer Liebe begegnet, die widerständig weiter hofft, aus der Verlorenheit könnten Menschen noch erwachsen.

Chat GPT & Co.

Chat GPT

Ein dynamisches Archiv des von dem westlichen Bürgertum auf der Höhe der moralisierenden Gegenwärtigkeit Ausgespuckten. Die sogenannte KI behält sich bei Beleidigung etwa der Yoga-Ideologie (diese Freiheit wurde sich genommen) sogleich, seinen Programmierern und ihrer beschränkten Weltsicht folgend und das Material dahingehend sichtend und ordnend, vor, jede Religionskritik als Beleidigung einer Kultur zu brandmarken. Als wären Kulturen, und das ist die aktuelle Sicht des vor Selbsthass strotzenden partikularen Universalismus, nicht zu bewerten und zu kritisieren. Die KI ist somit vollkommen unfähig zur Kritik, da jede Ideologie sich unter dem Schutzmantel einer Kultur begeben kann, unter der ihr nie Dummheit vorgeworfen werden kann, ohne sich dem Vorwurf der Feindschaft gegenüber irgendeiner zur Gruppe sich stilisierenden und konstituierenden Menge auszusetzen. Die KI macht dann das, was der Intelligenz des zugerichteten Bürgers zureicht, sie springt nicht aus dem kausalen Netz der seienden Phrasen hinaus, sie hat keinen Traum, und ihre Intelligenz ist so technisch, wie die Welt die sie erfand.

Sonne

Dieser Film bezeugt die Leere, die die Protagonistinnen in ihrer schnellen Welt nicht loslässt. Die Kamera begleitet sie, selbstständig wie sie sein wollen, die Welt ergreifend, die ihre Chancen zufällig und scheinbar böswillig verteilt. Was ihnen nicht klar wird, weil es ihnen kaum noch jemand sagen könnte, zeigt der Film wohl unfreiwillig: Sie sind größtenteils auf eine eminente Weise dumm. Durch ihre Suche nach Identitäten, die in ihrem Falle – wie in den meisten anderen heute auch – nur noch die Suche nach einem zugeschnittenen Angebot innerhalb einer schwachsinnigen und durchaus leicht durchschaubaren Ideologie meint, deren Verteidigung gegenüber den eigenen schwindenden rationalen Anteilen des Ichs dennoch immer mehr psychische Kraft benötigt, eine Suche, die Charaktere im Widerspruch leiden lässt oder in verblendeter Selbstzufriedenheit sie ihre jeweilige Funktion im Ganzen der Verdummung annehmen lässt. Diese liebenswerten und doch gebrochenen Menschen sind unentwegt damit beschäftigt, sich zu finden und ein Ich zu konstituieren, deren Wirklichkeit ihnen gerade jene Gesellschaft einflüstert, die ihnen jegliche Möglichkeit zu einem angemessenen Leben entzogen hat. Sie sind dabei auf der Höhe des technischen Stands, der den verzweifelten Narzissten ihre Aufmerksamkeit im sozialen Einerlei sichert.

Die kurzen Szenen in der Schule zeigen die Gelangweilt einer Generation, die verzweifelt ihre soziale Wichtigkeit zur einzigen Mitte erhoben hat und nicht erkennen will, dass gerade ihre Uninteressiertheit am Wissen einer Welt ihre empfundene Leere maßgenau ausmacht, dass ihr Rückzug einer ins Korsett eines absurden Sozialen ist, der gerade deshalb keinen Widerspruch mehr erfährt noch ertragen kann. Die plane Einordnung des leeren Ichs in die Sozietät, bedeutet Leiden eines entleerten Ichs, das doch nicht ohne Inhalt sein will noch kann. Aber gerade letzteres ist bei der Hauptprotagonistin des Films weniger der Fall als bei den realen Figuren der gehobenen Mittelschicht. Diese dargestellte Welt der Jugendlichen ist Auseinandersetzung noch gewohnt, auch dann, wenn sie daran leiden. Hier ist noch die Hoffnung begraben, dass der Stachel noch gespürt wird, auf dass man erkenne warum.

Die Eltern schließlich, zeigen in ihrer Mischung aus Antiautorität und beinahe erotischer Bindung ans Kind auch einen Mangel an klarer Reibungsfläche, an denen ein Ich sich noch aufrichten könnte und damit verwirrende Nähe dort, wo Befreiung von Bevormundung wichtig wäre. Hier wird die Entwicklung des Kindes gegen infantiles Zurückbleiben ausgetauscht, alles im Namen einer Liebe, die ins Meer zurücktreibt, was doch ans Land will.

Israels Dilemma, der verlorene Kulturkrieg der Linken und der Sieg der Barbarei

Ein Pogrom wurde von der Welt wieder einmal mit – in der Tat: großem – Jubel beantwortet, der jüdische Staat verlor etwas von seiner Sicherheit, weil er einen Moment so selbstvergessen war, sich wie ein normaler Staat um interne Ausgestaltung zu rangeln und mit arabischen Staaten diplomatische Beziehungen einzugehen, was ihm prompt und auf schmerzhafte Weise daran erinnerte, dass er kein normaler Staat ist und die Antisemiten dem Juden stets nach dem Leben trachten. Dies wird ihm, in einer an absurden Verdrehungen und Wendungen sonst schon nicht armen Welt, von seinen vielen Feinden noch zum Vorwurf erdichtet: der Zwang jüdischer Hafen für die verfolgten Juden dieser Welt zu sein sei eine perfide ethnische Staatsidee. Nachdem die muslimischen Barbaren Juden (und auch vereinzelt Muslime) zu aberhunderten brutal und sadistisch töteten, feierten Muslime und Linke weltweit die Angriffe als Widerstand und schrien „gas the jews“ und „from the river to the sea“, während die „respektablen“ Medien sich auf die gemutmaßte und erwartete Brutalität der israelischen Armee schon mal voreinstellten, bevor Israel die Terroristen aus dem eigenen Land überhaupt vertrieben hatte; sie logen außerdem so deutlich, sodass ihnen mitunter schon selbst bange ob ihrer Chuzpe wurde. In Erwartung der vielgefürchteten jüdischen Rache, die die respektablen antizionistischen und also antisemitische Medien herbeiphantasierten, nahmen sie die propagandistischen Pressemitteilungen ebenjener Mörder, die sie gern auch mal Widerstands- oder Freiheitskämpfer nennen, face value und machten sie zu erfolgreichen Artikeln oder Tweets. So kann es passieren, dass, abgesehen von schweren und peinlichen Fehlern, noch das Herunterreißen von Plakaten der Verschleppten in der NYT als „Entlastungsventil“ verteidigt wird, da es doch nur der Befreiung von den Schmerzen diene, die die Israelis den Palästinensern antun würden, denen man sich ach so verbunden behauptet (und sie doch der Hamas ausliefert), um seinen eigenen Antisemitismus human zu verzieren. Diese Art von intellektueller Unehrlichkeit, getarnt durch Wortdreherei, dient immer der Verheimlichung des tiefen Einverständnisses mit einer schlechten Sache. Die Vereinten Nationen, dieser lächerliche Bund von autoritären Herrschern, Taktierern und Appeasern, verlangt einen Waffenstillstand und also die Kapitulation des angegriffenen Landes, nicht etwa die Entlassung der Geiseln durch die Hamas, welche in der Resolution nicht einmal erwähnt wird. In England diskutiert die Polizei islamische Theologie, damit sie Jihad-Aufrufe kontextualisieren kann und lässt brutalisierte Dummköpfe auf der Straße von der Auslöschung einer Nation und dem Vergewaltigen und Töten von Juden brüllen. Die Polizei übernimmt in manchen Ländern das Entfernen von an die Entführten erinnernden Plakaten gleich selber, eine Aufgabe, die in anderen noch der antisemitische Pöbel inne hat. Vor der Downing Street beten Massen einen muslimischen Gott an – im Land des „Leben des Brian“ –, was die Gutmenschen als Happening, nicht als Landnahme und Bedrohung der staatlichen Herrschaft erkennen wollen oder tatsächlich nicht können. Der Antisemitismus ist tatsächlich das erklärende Moment der modernen Gesellschaft, aber die Sprecherin des Weißen Hauses kann keinen erkennen, während sich jüdische Studenten vor dem Mob verbarrikadieren müssen. Derweil ist die Angst der Integrationsbeauftragten von Berlin vor antimuslimischen Rassismus, dieser scheinbar so speziellen globalen Herausforderung, größer als alles andere. Im Gaza als vogelfrei erklärte queere Menschen verteidigen ernsthaft die Hamas, eine Blödheit, die sprachlos macht, und die Freunde der Kunst, die nie etwas von Geschichte gehört haben, geschweige denn den „Konflikt“ – eigentlich antisemitischen Hass – verstehen, schwafeln in dem angelernten Kauderwelsch eines poststrukturalistischen Idenititätsgedöns, in welchem sie zwischen dem Einreißen aller Mauern, von der fluiden Infantilität träumend (Kategorien als Feind) und der rassischen, identitären und ebenso infantilen Zuordnung zu unhintergehbaren Kollektiven schwanken. Und weite Teile des sich dem Feminismus zurechnenden Lagers, die meist dort vom Patriarchat schwafeln, wo sie es ganz sicher nicht finden und im Kampf gegen den „männlichen Blick“ und der solcherart konnotierten Sprache den großen modernen feministischen Auftrag sehen, gehen über Massenvergewaltigungen mit einer erschreckenden Gleichgültigkeit hinweg, wie sie überhaupt islamistische Täter infantilisieren und ihnen jede Selbstverantwortung in Handlungen absprechen. Die Machtdemonstrationen der Antisemiten aller Couleur weltweit ist angsteinflößend, wird von den der falschen Gleichsetzung der „Konfliktparteien“ in den „respektablen“ Medien, und dem allgemeinen Wahn in den sozialen angefeuert und bezeugt aufs Neue, wie gefährdet das jüdische Leben faktisch überall ist.

Die Idee der Verhältnismäßigkeit, die Muslime in Stellvertretung der Hamas jetzt für das mörderische Regime samt der sie in nicht kleinen Teilen unterstützenden Zivilbevölkerung fordern, versucht ganz objektiv die Einordnung der Angriffe der Hamas in den Israel-Palästinakonflikt, die also das Morden mit einer Gegenwehr gleichsetzt – was an sich schon voller falscher Voraussetzungen ist – und so tut, als ginge es beim blindwütigen Schlachten von Juden irgendwie um den Land- und Nationenkonflikt. Diese Idee stellt die Hamas und Israel auf eine Stufe, wo doch die politischen Vertretungen der Palästinenser, das gilt auch für die Autonomiebehörde, den status quo bloß deshalb aufrecht erhalten, weil sie davon leben, die ewigen Opfer im Widerstand genannten Versuch Juden zu ermorden zu sein, für das die palästinensische Zivilbevölkerung – die gegen das Morden gar nicht so viel einzuwenden hat – den Preis zu zahlen hat. Man würde, wäre das noch realistisch, hoffen, die Palästinenser erkennen ihren eigenen Feind über die dumme Identitätspolitik hinweg im sogenannten eigenen.

Die religiös inspirierte Landnahme der Muslime ist eine politische, sie ist Religion als öffentliche Politik einer nie ins private gedrängten Religion, die sich in Machtdemonstrationen gegen Frauen (Köln etc.) oder im öffentlichen Beten, der Verweigerung des Handschlags, schreienden Muezzins und der Schule oder dem Schulhof und verlängert in den sozialen Medien zeigt, die immer mehr coram publico stattfindet oder versteckt unter aller Augen, wie in der englischen Stadt Rotherham und anderen. Die islamistische Ideologie kann daher nicht unabhängig von einer nie privat gewordenen Religion gesehen werden, wenn sie auch nicht mit dieser gleichläufig ist. Eine Änderung dieser Situation würde auch eine Kritik und Reflexion des Islams benötigen, die nicht zuletzt deshalb blind abgewehrt wird.

Diesem Wahnsinn stellen sich nun immer erfolgreicher konservative öffentliche Figuren, Medien und Politiker jeder Façon entgegen, die zwar teils vordergründig auf Stimmen- und Kundenfang sein mögen, teils auch ehrlich einer offenen Gesellschaft mit wehrhaften Staat huldigen, jedenfalls aber gegen die regressiven Absurditäten weiter Teile der Linken vorgehen. Dabei aber setzen sie in typisch konservativer Manier den Staat und die Weltordnung wie sie sind und samt ihnen den Kapitalismus und die in ihm lebenden Monaden und ihre psychische Zurichtung als naturhaft gegeben, wesenhaft bestimmt. Wobei ihnen die je psychisch-individuelle Ausstattung alleine durch moralische Entscheidung veränderbar erscheint, die sie rein voluntaristisch – eine Ablehnung jeder Psychoanalyse – zu bestimmen versuchen. Die gespaltene Linke, deren einer großer Teil völlig verrückt gegen die Zivilisation, einseitig gegen den Westen und mit den Barbaren auftritt und deren anderer kleiner Teil kaum noch eine Rolle spielt, ist chancenlos und verliert den von ihr so hochgehaltenen und von Irrtümern und Blindheiten gespickten Kampf um politische Hegemonie im Sumpf von erfundenen und sich dynamisch erneuernden Pronomen und das richtige Gendern gegen Konservative, die sich der Unterstützung der Mehrheiten immer gewisser sein können. Unterschiedlich starke Reste einer bürokratisierten und staatseingebundenen Linken allerdings – stark abhängig von der Sicherheit der prozessierenden Verwertung des Kapitals und, eng damit verbunden, der Stabilität der jeweiligen Staaten – bezeugen die jederzeit abrufbare Existenz eines fast atavistischen Rests, der an überkommenen Vorstellungen festhält, die den Antisemitismus zwar staatstragend blind bewahren, und die, objektive Vernunft vorschützend und ihrem kleinbürgerlichen Naturell entsprechend, die vorhandene Ordnung verewigen wollen. Solange sie finanziert werden, wird dieser dritte Stand zwischen Kunst und Medien gerade in Europa noch was zu sagen haben. Er ist allerdings ob der Sicherheit seines Untergangs verunsichert, wem er sich andienen soll.

Die Blindheiten einer identitären Linken und einer konservativen Liebe zum Bestehenden, lassen sich nicht gegenrechnen, denn sie beruhen auf demselben Fehler der ewigen Entgegensetzung von Gut und Böse unter gedrehten Vorzeichen. Der politische Islam – und die Trennung des Islams vom Islamismus oder politischen Islam ist weder eindeutig noch exakt bestimmbar – ist tatsächlich eine Kriegserklärung an die „freie“ Welt, an das selbstbestimmte Leben. Es wird vielen Linken nicht klar, dass der bürgerliche Staat auf der Höhe seiner Entwicklung kritisiert gehört und nicht bloß abgelehnt, dass er gegen die Barbarei verteidigt gehört, selbst wenn er – oder vielmehr, weil er nur – ein Leviathan ist und auch dann, wenn er die Barbarei mitunter beschleunigen mag (signifikant sind die bürgerlichen Staaten nicht für den Zerfall der arabischen Welt verantwortlich, sondern eher das ins politische transformierte kollektive Gefühl der Überheblichkeit und der Trauer über das islamische Großreich mitsamt der blinden Identifikation mit der eigenen Gruppe). Was die Konservativen nicht verstehen, ist, dass dieses Leben, das so viele im monadenhaften Scheitern bloß überleben lässt, keine Zukunft hat, sondern der bürgerliche Staat nur die letzte Zuflucht in einer kapital zugerichteten Welt ist, die ihre eigene Grundlage anfrisst. Der Islam als politische Bewegung, die die islamischen Ländern zuerst zerrüttete, ist keine rassische oder sonst wie zu verstehende unentrinnbare Kollektivität, als die er sehr wohl den „eigenen“ Leuten gegenübertritt. Der Kampf ist gegen diese Ideologie, oder eigentlich gegen zweier: der genozidalen des politischen Islam und der dummen der manichäischen Identitätstheorien im Westen, die in ihrer Zivilisationsfeindschaft natürlich die barbarischen Feinde der Zivilisation unterstützen. Solch ein Kampf wird um die Herzen und Köpfe geführt werden müssen – wobei man sich über Herzen, die den massenhaften Mord und die massenhafte Vergewaltigung unterstützen, doch verzweifeln muss –, so wie er in den Universitäten wohl verloren wurde und er wird zugleich militärisch und polizeilich dergestalt geführt werden müssen, wie es Israel bislang vorgeführt hat: ohne die zivilisatorischen Errungenschaften aufzugeben.

Demgegenüber wird „Islamophobie“ und neuerdings „antimuslimischer Rassismus“ als Begriff für eine inhaltlich bloß teils vorhandene rassistische Anfeindung herumgereicht, wie in der liberalen Linken weitestgehend das Wort die Realität ersetzt. Ob Muslime in einem höheren Maße rassistisch angegriffen werden (man sollte die Unmöglichkeit hier schon raushören), wie das anderer zu bloßen Gruppenbeispielen reduzierten Individuen geschieht, kann nur empirisch entschieden werden und müsste die forcierte Landnahme und die Prominenz des Islam in Rechnung stellen. Zuallererst bedürfte es hier aber eine Begriffsklärung, deren ver-rückter Fall sich im Begriff „Islamophobie“ spiegelt, denn – abgesehen davon, dass er der antiwestlichen Rhetorik der islamischen Staaten (vor allem des Irans) und Bewegungen dient – die unterstellte Angst vor dem Islam ist ja keineswegs eine pathologische, sondern in weiten Teilen eine begründete Angst, oder viel eher gerechtfertigte und unter Rassismusverdacht gestellte Ablehnung von oder zumindest Sorge vor religiöser Kolonisation und der Verdrehung des Islams zu einer Widerstandsbewegung gegen die „Weißen“ oder den Westen – was ja teilweise sich als aufgeklärt dünkende „Weiße“ und andere aus den westlichen Nationen gegen ihre je eigenen Nationen in Anschlag bringen – und einer eigenartig weitreichend vor Kritik geschützten Religion, die zugleich ihren Opferstatus zementiert. Das passiert eben mit einer auf den Hund gekommenen Kapitalismuskritik, die versteinert und verdummt den Westen als Schuft identifiziert hat und das für die Höhe philosophischer Kritik hält, wenn es doch bloß die begrenzte Höhe des eigenen Kopfes darstellt.

Der Begriff antimuslimischer Rassismus ist schließlich außerdem ein funktionsloses Oxymoron, denn was antimuslimisch ist kann per se kein Rassismus sein, höchstens Ausschluss oder Diskriminierung. Aber, um nicht alleine der Begriffsreiterei aufzusitzen, die auch einen Ausdruck wie den des Antisemitismus aushöhlen könnte (wenn auch mit weniger Berechtigung), hier eine inhaltliche Kritik: Es sollte nun selbstverständlich sein, dass Religion – vor allem diese aggressive – hinsichtlich politischer Teilnahme diskriminiert gehört und aus gesellschaftspolitischer wie rechtspolitischer Sicht in bürgerlichen Staaten mit Resten aufklärerischer Tradition wäre es stets wichtig, Religion zu kritisieren (wie alle ihre Erscheinungen) und auch zu kontrollieren. Religion ist immer auf die Eroberung aus und die Zwei-Welten-Lehre war der Beginn des langsamen Rückzugs des Christentums, die nun strikt vom Islam verlangt werden muss, bis sich diese tröstende Dummheit und dieser geistlose Geist auflöst. Es ist eine Farce, hier mit dem Wort Rassismus jegliche antimuslimische Regung zu diffamieren, während man zu den ganzen Barbareien islamistischer Provenienz von kaum jemanden der besagten Communities – eine an sich schon identitätspolitische Falle – genuine Ablehnung vernimmt. Dieser abgrundtiefe Konsens müsste aufgebrochen werden.

Eine Linke, die im lächerlichen Wahnsinn ihre eigene Existenz einer solchen aggressiven und auf Dominanz in der Gesellschaft zielenden Religion opfern möchte und sich bereitwillig unterwirft, zeigt, dass ihr alles was sie einst über ein Leben in Freiheit zu sagen hatte, nicht ernst gemeint war. Der poststrukturelle (und also jegliches Denken auflösende) geistige Ruin sowie die postkoloniale manichäische Einteilung in den bösen Westen und die guten Unterdrückten, geht soweit an den nicht nur aktuellen Entwicklungen vorbei, dass es peinlich wird sich einer Linken noch zurechnen zu wollen, die in Verbrechern und Barbaren den schützenswerten Außenseiter sieht, anstatt eine andere Welt wenigstens gestalten zu wollen, die diese abscheulichen Typen unmöglich macht. Dieses Spiel von Gut und Bös, das eine ahnungslose und geschichtslose Linke durchzieht, ist von jeder Analyse befreit, und wird über die falschen Einschätzungen und Anbiederungen endgültig und im deutlichen Sinn böse. Nicht zuletzt bedienen sie in ihren Ressentiments nur die eigene Ablehnung der Zumutungen einer unbefriedigenden Zivilisation – die ohnehin vom Zerfall bedroht ist –, die, würde sie noch funktionieren, infantilem Zurückziehen genauso entgegensteht, wie der funktionalen Auflösung in Bürokratie. So ist die potentielle Zivilisation des Westens – die bei all ihren Gewalttaten in Vergangenheit und Gegenwart, doch nicht als einzige zur Handlungsfähigkeit und damit Schuldigkeit verurteilt werden kann, und die doch immerhin ein ihr unterm Kapital zwar nicht einzulösendes und doch unter ihm aufkommendes Versprechen festhält – dem modernen Linken das Böse aufgrund ihrer technologischen und ökonomischen Überlegenheit, dem einfachen Verstand der Linken gilt heute die überlegene Gewalt als das Böse, nicht die Intention der wahnsinnigen Mörder. Ohne zu begreifen oder sich nur vorstellen zu können, was die Regime und Bewegungen machen würden, hätten sie die Macht, das zu verwirklichen, was sie ohne Zurückhaltung hinausposaunen. Es ist hier das alte antisemitische Topos des übermächtigen Juden zu erkennen, der die Welt kontrolliert und dem unterstellt wird, was dem Antisemiten selber der unstillbare Antrieb ist.

Der Wolf im Schafspelz

eine intransigente Polemik


Warum dies Aufhebens um eine Sache, die die Verhärteten nicht berührt, die Unsicheren nicht festigt und die Ahnungslosen nicht erreicht, also vergebens ist? Ich kann es nicht sagen, aber dem dumpfen und schleichenden Wahnsinn kann man nicht immer nur schweigend entgegentreten. Schweigen wäre hier tatsächlich Zustimmung.

Wie dem auch sei, man fragt sich, ob es die höheren Weihen der österreichischen Sozialpartnerschaftlichkeit sind, die falsche Befriedung der Kapitalverhältnisse also, die auch andere Bereiche ankränkelt und einen Artikel, wie im Tagebuch 5/2021 erschienen („Aus dem Gestrüpp von Emotion und Propaganda“, eine – wie man hinzufügen könnte – Leugnung des Antisemitismus) – immerhin einer Zeitschrift, die, zumindest formal, „Zeitschrift für Auseinandersetzung“ im Untertitel stehen hat – unwider- oder überhaupt unbesprochen lässt. Das wäre bei aller Grauslichkeit noch die sympathischere Entschuldigung für das Schweigen, wiewohl eine – den heimischen Verhältnissen durchaus entspringende – naheliegendere Erklärung wohl lautet, dass dem Geschriebenen alle zustimmen. Oder, munter vermittelt mit dieser Erklärung, ist aller Voraussicht nach auch die gültig, dass die meisten Leser des Tagebuch – über diese kann man zumindest so viel annehmen, dass sie der üblichen Durchschnittsmeinung des zumindest deutschsprachigen linken und bürgerlich-liberalen Feldes weitestgehend entsprechen – ihre Ahnungslosigkeit mit desto stärkerer Überzeugung wettmachen. Jedenfalls kann solch ein gemeinhin als kontrovers – oftmals bloß das Chiffre und Vehikel für unmenschliche Äußerungen – tituliertes Thema nicht disparat für sich stehengelassen werden, vor allem, wenn „aus dem Gestrüpp von Emotion“ nur Propaganda herausfällt. Warum so etwas, also die Werbung für eine antisemitische Organisation wie BDS (Boycott, Deinvestment, Sanctions), überhaupt gedruckt wird, zeigt mit welch vernebelten Verstand linke Redaktionen so manchen Artikel durchwinken; das Tagebuch ragt hier – und das ist keine Entschuldigung – nicht heraus.

Es war ja historisch für das bürgerlich-liberale Segment der Gesellschaft nie schwer, auch und gerade dort, wo es sich irgendwie links verortet, Israel gründlich – und das heißt einseitig – zu kritisieren, und das hat mit den aktuell letzten Raketenangriffen auf Israel wiedereinmal altbekannte und ermüdende Höhen erreicht. Für große Teile des halbgebildeten westlichen Kleinbürgertums, das in Medien und Pädagogik die Führung innehat (also, die die das Wort „links“ für sich gepachtet haben und blind ihrer vermeintlich liberalen Ideologie folgen, mit der sie ihre gesellschaftlichen Machtstellungen schönreden), sind Comedians vom Schlage John Olivers und Trevor Noahs, die mit viel persönlichem Mut ihre allgemein gewussten Wahrheiten über Israel in schäumenden rants an ihr Publikum zurückspiegeln, letztlich die Quelle ihres Wissens über die Welt. Die darin sich zeigende nützliche Geschichtsvergessenheit und strenge Gegenwärtigkeit solcher institutionalisierter Israelkritik erleichtert natürlich ungemein, den perennierenden Zweifel an der Rechtmäßigkeit Israels als Staat hochzuhalten, und zeitgleich erlaubt es den Leithammeln jener modernen Formen des Nichtwissens in ihrem Mumm sich zu gefallen, gegen das imaginierte Verbot der Israelkritik (die Phantasie von der jüdischen Lobby?) „aufzubegehren“. Israel muss böse sein, weil es ihnen mächtiger als seine Gegner vorkommt (und zum Glück zum Teil ist); und – das wissen die (klein-)bürgerlichen Schichten linker Provenienz allemal – reale politische Macht, von der sie doch heimlich träumen, ist böse (zumindest in Hand der Juden und Imperialisten), nicht die kommunikative, die sie innehaben und mit der sie alle quälen.

Diese liberal-bürgerliche Managementklasse braucht natürlich auch ihre „denkende“ und ideologische Elite (die sie anscheinend noch nicht genügend im antizionistischen Blätterwald von Guardian und Le Monde findet), auf die jene sich in Zeiten abnehmenden Verstandes stützt, und die ihre Ressentiments und gefühlten Wahrheiten mittels antiimperialistischen Denk- und Sprechmarken verschriftlicht, damit sie dann in kleineren gefühligen Häppchen youtubegerecht disseminiert werden können.

In solch trüben Gewässern also fischt der besagte Artikel, wenn die ältere Deklaration zum Antisemitismus der International Holocaust Remebrance Alliance (IHRA) mit selbstverliehener wissenschaftlicher Autorität – die man doch mehrmals und etwas verdächtig in der neuen Deklaration der Jerusalem Declaration of Antisemitism (JDA) bemühen muss – als nicht treffsicher genug und zu sehr auf Israel bezogen diskreditiert wird; als würde nicht die globale Ungleichbehandlung des jüdischen Staates die aktuelle und, zumindest in europäischen Meinungsseilschaften (noch) unaufrichtige Form des Antisemitismus darstellen (die hanebüchene Behandlung Israels durch die UN, im deutschsprachigen Raum als Institution der unabhängigen Weltgemeinschaft belegfrei eingebildet, spricht ja Bände). So delegitimiert brauchte es eine neue Deklaration, die der Autor, werbewirksam im Tagebuch an ein vermutlich sympathisierendes Publikum gerichtet, natürlich unterzeichnete.

Bekanntermaßen wissenschaftlich verbrämt beginnt dann das alte Spiel der Klitterung der unbequemen Realität: Unterschlagen wird im Artikel natürlich gleich von Anfang an, was explizit in der (alten) IHRA-Deklaration steht, dass Kritik am israelischen Staat nicht als Antisemitismus zu bezeichnen sei, aus naheliegenden Gründen unter der festgehaltenen Voraussetzung, dass sie nicht von einem Doppelstandard und Delegitimation gekennzeichnet ist. Israel kennt dieses Spiel mit freundlichen Masken zur Genüge, die europäischen Staaten sind diplomatische Taktierer in diesem Spiel der gezielten, absichtlichen und systematischen Sonderbehandlung Israels. Eine Erklärung, die das nicht aufnimmt, will oder kann nur wollen, dass die Souveränität Israels fortgesetzt unterminiert wird. Dass diese Formen der beliebigen Wahrheitserzeugung bei ihren Protagonisten keine Scham mehr erzeugt, zeigt die Sicherheit ihrer gesellschaftlichen Positionen und Stellungen, von welchen aus sie dieser Strategie „diskursiv“ folgen.

Eine glatte und ziemlich kühne Lüge liest man – und das wirft ein Schlaglicht auf die Intentionen des Autors – in der Behauptung, die IHRA-Deklaration mache den Antisemitismus mehrheitlich bei den Linken und Muslimen aus. Das steht keineswegs in der Deklaration. So ganz falsch andererseits – und das wissen alle – wäre es natürlich nicht gewesen, was der Autor wohl ahnt und präventiv abwehren möchte. Dann spricht er weiter ganz frei vom zionistischen Projekt, wohlwissend welche Konnotationen dieser Begriff freisetzt, weil der Zionismus seinen alten Glanz verloren hat und schon das Wort die Verbindungen zum Kolonialismus im zugerichtet aufgeklärten Bürgergehirn wachruft, während, um auf der Klaviatur dieses intentionalen Antisemitismus weiterzuspielen, auch noch das Wort „Projekt“ verwendet wird, um den unbeliebten Staat gleich begrifflich auszulöschen, wozu politisch (noch) die Macht fehlt. Einen bürgerlichen Staat zu diskreditieren, der auch schon mehr als 70 Jahre alt ist, ist das Programm der Antizionisten. Dieses „Projekt“ wird dann ganz unschuldig auch gleich Siedlungsunternehmen genannt, was sich dann flugs eine halbe Seite und um die hundert Jahre später zum Siedlungskolonialismus ausweitete, damit auch jeder weiß, welche bösen Pläne da immer schon essentiell angelegt waren, als Juden neben Arabern siedelten; dass ein paar dieser Juden schon zuvor da waren, die Araber (Christen wie Muslime) auch immer schon prächtig mit den Juden Geschäfte zu machen verstanden und aufgrund dieser Geschäfte – die immer auch zivilisierende weil rationalisierende Wirkung auf die Subjekte haben – auch darüber hinaus gesellschaftlichen Umgang hatten, ist bloße Geschichte und uninteressantes Detail. Die gelegentlichen antijüdischen Pogrome im arabischen Raum nicht verschweigend, intensivierten sich in den 30er Jahren unter glühendem Propagandaeinfluss der Nazis und ihrer Kollaborateure im arabischen Raum (herausragend natürlich Mohammed Amin al-Husseini) die antisemitischen Vertreibungen und Morde. Aber für die selbsternannten Menschenfreunde sind es die Juden, die immer schon planten, ihre zersetzenden Siedlungsunternehmen in den arabischen Volkskörper zu implementieren (was neben dem klassischen Antisemitismus auf die Rassifizierung von Herrschaftsverhältnissen im Denken mancher „Linker“ hinweist), das ist die höhere Wahrheit, die mit ein paar geschickt platzierten, unschuldigen Begriffen wohl – und man wüßte nicht, wie dieser Jargon freundlicher interpretiert werden kann – verdeutlicht werden soll. So spricht man dann auch vom „heute mächtigen Staat“, um diese Geschichtsklitterung in wenigen Zeilen auf ihr Ziel hinzuführen: böse weil mächtig. Mächtig, ja, das ist das ewige Problem des Antisemiten, waren die Juden schon immer; folglich muss es ihr Staat auch sein. Dass er mehrmals nahezu vernichtet wurde, ist im allgemeinen „Diskurs“ seltsam ausgeblendet. Dass die USA, das andere böse Land, dies bisher verhinderte, wird notdürftig antikapitalistisch formuliert der USA nicht verziehen. Dann wird natürlich 1967 hervorgekehrt, als endlich der Jude nicht mehr Opfer war und seine tiefsitzenden bösen Absichten verdeutlicht hatte, als er also nicht mehr auf den Angriff wartete, sondern zuerst zuschlug (Jom Kippur natürlich wird nicht erwähnt oder, wie anderswo getan (Le monde diplomatique 06/2021), besonders perfide, als gerechter Krieg, um die „eigenen“ verlorenen Gebiete wiederzugewinnen, dargestellt). Hier, im Sechstagekrieg, zeigte sich endlich der Kolonialismus und die Okkupation, für die der Jude diesen Köpfen halt wesenhaft bestimmt scheint, spätestens seitdem dem ewig staatenlosen Juden nun seine Staatlichkeit von den marodierenden Banden in Palästina und anderswo, sowie von den linksintellektuellen Staatshassern in den USA und Europa ohne stringente Theorie der Staatlichkeit (die ohne unverkürzte Kapitalismuskritik nicht zu haben ist), vorgeworfen wird. Und die unsäglichen antisemitischen Auswürfe der 68er-Linken und ihres Gefolges, ihre Zusammenarbeit mit antisemitischen, arabischen und islamischen Mörderbanden wird hier ganz beiläufig als positive Entwicklung gesehen. Immer wenn Israel die Kriege, in denen es angegriffen wird, gewinnt, wird es verurteilt. Wenn es diese Gebiete ihrer eigenen Verwaltung unterstellt, erschafft es – aber nicht etwa Ägypten – Gefängnisse (Gaza), ansonsten ist es Besatzungsmacht. Was mit den in Geiselhaft gehaltenen verewigten palästinensischen Flüchtlingen in den arabischen Staaten oder Gebieten unter arabischer Verwaltung geschieht, ist ohnehin nicht von Bedeutung.

Israel lebt unter der Vernichtungsdrohung des Irans und der benachbarten, vom schiitischen Wahnregime finanzierten Terrorgruppen. Die europäischen Verbündeten dieser islamischen Regime wünschen verkappt und verhüllt aber nicht unmerklich, dennoch ganz unschuldig, dass es Israel besser nicht gebe, damit endlich Frieden sei. Und wenn es sich erfolgreich verteidigt, dann werden ihm die geringen israelischen Opferzahlen (im Übrigen arabische wie jüdische) noch von der Rechtmäßigkeit seiner Verteidigung abgerechnet. Daher wird all diese Realitäten zu benennen, interessiert als Rationalisierung der ewigen Wahrheit des bösen Juden mißgedeutet. Und noch die hässliche antisemitische Haltung von Teilen der amerikanischen Studentenschaft wird als glücklicherweise mangelnde Zuhörerschaft für das böse „zionistische Projekt“ umgedeutet und den Israelis und Verteidigern des Staates Israel bloße Denunziation dieser antisemitischen Internationale unterstellt. Die antisemitischen Topoi häufen sich noch weiter: Araber, ja Muslime insgesamt sollen vom Vorwurf des Antisemitismus freigesprochen werden, da ihr Judenhass als durch Besatzung und Besiedlung legitimiert sei, was sich aufgrund der dahinterliegenden Vorstellung vom islamischen Kollektiv mit quasi natürlich zukommendem Land immer behaupten lässt und außerdem als Kausalität geschichtlich schlicht falsch ist.

Im Gegensatz zu den meist noch verdrucksten Aussagen der europäischen und angelsächsischen Antisemiten sind die islamischen Antisemiten aber nun doch eher unverhohlen in der Feilbietung ihres Antisemitismus, die schon mal offen die Vernichtung von Israel fordern, sich über die Europäer lustig machen, die jeder zugestimmter Friedensverhandlung in ihrem blinden Appeasement tatsächlich als Friedenssicherung sehen oder bis tief in das kulturelle Programm und die schulische Enkulturation den Juden als Ventil und Ableitung für die, von arabischen/islamischen Potentaten unterdrückte Bevölkerung anbieten; was aufgrund der ökonomischen und politischen Lebensenge und dadurch ständig köchelnder Wut von jener Bevölkerung in seiner Sündenbockfunktion auch willkommen geheißen wird. Dies dann als entlastende Übertragung der Tätergesellschaften auf Muslime und Araber zu identifizieren – wie im Text im Tagebuch geschehen – ist sophistische Trickserei, die zweierlei will: Sie befreit die Muslime und Araber ganz allgemein von der Verantwortung gegenüber dem in ihren Ländern grassierenden Antisemitismus und macht den Antisemitismus zu einer originär deutschen, die er ja schon in den 30er Jahren nicht war, nicht einmal in seiner eliminatorischen Form (man denke an die teils eifrigen Hilfsvölker, von denen die Araber ja auch eines waren), und vor allem bloß historischen Erscheinung. Wollte man Araber oder Muslime nicht als kulturellen oder gar rassischen Block sehen, müsste man sie endlich darin unterstützen, ihre wahnhaften Terrorfürsten und Regime loszuwerden, die ihnen ja nicht natürlicherweise – wiewohl auch nicht ganz unschuldig – zueignen. Die sind schließlich die Geißel der Palästinenser (und eben nicht nur ihre) seit den 30er Jahren des 20 Jahrhunderts; nicht das kleine Gebiet, das den jüdischen Siedlern ursprünglich und geschichtlich zufällig im UN-Teilungsplan gegen den Willen der intrigierenden Mandatsmacht Großbritannien und der benachbarten arabischen Regime gegeben wurde, und das durch mehrfach abgeschlagene Angriffe der arabischen Nachbarnationen, die lange nichts weniger wollten als einen arabischen Staat Palästina (warum auch, wenn man glaubte sich die Gebiete unter den Nagel reißen zu können), sich stetig vergrößerte.

Ein paar Schmankerl direkt aus der so wunderbaren JDA, auf die sich der Autor so stolz stützt, sollte man aber dem geneigten Leser nicht vorenthalten, damit jeder weiß, welch Geistes Kind sich hier, nachtwandlerisch seinen zeitgenössischen Möglichkeiten sicher, in die öffentliche Diskussion drängt: Dass das aktuelle Gebilde der Palästinensischen Autonomiebehörde nun Staat genannt wird (von Österreich und einigen anderen europäischen und weiteren Nationen allerdings nicht anerkannt) – wiewohl sich darüber streiten lässt, ob von einem solchen organisatorisch und verwaltungsrechtlich gesprochen werden kann –, während die arabischen Nachbarnationen einen solchen mehrmals erfolgreich verhindert haben, weil mit einem jüdischen zusammen wollten sie dieses vergiftete Geschenk nicht annehmen, ist eine Sache. Und nur aus ideologischen Zwecken des Kampfes gegen Israel wurde diese Anerkennung überhaupt betrieben, nur um diesen endlich internationalisieren zu können (Was etwa Mahmoud Abbas ja nie verschwiegen hat), um Israel an den Pranger des internationalen Strafgerichtshof zu stellen.

Auffallender jedoch, weil stinkender, ist dann aber, dass, zweimal abgewandelt, die Wendung vorkommt, die von den Träumern der Vernichtung Israels so gerne verwendet wird, diejenige vom „Fluss bis zum Meer“, das Gebiet, das der respektive Träumer so gerne von den Juden befreit hätte. Hier brechen die Wünsche dann doch ungesteuert an die Oberfläche durch. Dass außerdem die Kritik am Zionismus keine Kritik am Nationalismus ist, sondern eine am Bestehen des „zionistischen Projekts“, dürfte den Autoren der JDA klar sein, auch wenn man es vorerst anders verkaufen muss. Dass dieses „Projekt“ gutteils aus dem europäischen Antisemitismus erwachsen ist, der außerdem aktiv in den arabischen Raum exportiert wurde und dort durchaus auf fruchtbaren Boden fiel, ist auch kein Geheimnis mehr. Dass die Rede von dem einen Staat antisemitisch ist, weil sie die Vernichtung der Juden in einer mehrheitlich arabischen Nation mitdenkt, das wissen die verantwortungslosen Verbreiter solcher Aussagen sehr wohl.

In den Vergleichen Israels mit dem Apartheidsstaat Südafrika weht der Wind Durbans durch den Text der JDA, denn der Vorwurf des Kolonialismus an den geschichtlich ja wohl eindeutig antikolonialistischen Staat wird als nicht „per se“ antisemitisch eingestuft. Das Kantsche Noumenon dient hier wohl bloß dazu, dass man sich objektiv geben kann, als wäre man nicht von dieser Welt; man kann hier nur gut hegelianisch sagen: „An und für sich“ sind solche Auswürfe selbstverständlich antisemitisch. Dass man einen Nachbarn mit Vernichtungswünschen und seinen zahlreichen Versuchen diese umzusetzen, nicht ignorieren kann, zumal ihm ja nur seine mangelnde militärische Macht diese Umsetzung dauernd verleidet, hat mit Apartheid freilich nichts gemein, eher mit der Ratlosigkeit, wie man den überhitzten Ideologen der Lebensfeindlichkeit beikommen kann, die die palästinischen Gebiete terrorisieren und im Westen viel zu viel Appeasement und Unterstützung erfahren.

Wollte man wirklich bessere Bedingungen für die Palästinenser, würde man die benachbarten arabischen Staaten in die Pflicht nehmen, den Antisemitismus in diesem Raum bekämpfen, gegen die Autonomiebehörde, die Hisbollah, die Fatah und die Hamas usf. politisch und militärisch zu Felde ziehen und ja, den UNRWA endlich dort rauswerfen. Welcher andere Staat muss sich eine dauernde Kritik seiner Gründung vor der voreingenommen Weltgemeinschaft gefallen lassen? Und wie soll – das deutschsprachige Ohr hört vielleicht noch ein paar Missklänge – ein global verlangter Boykott jüdischer Waren nicht antisemitisch sein? Anscheinend „per se“ nicht, da die Unterzeichner halt bloß unterschiedliche Ansichten zur antisemitischen Bewegung BDS haben. Also, übersetzt in ehrliche Sprache, die Träger dieser unterschiedlichen Ansichten noch zaudern, wie weit man schon gehen darf. Aber in einer Zeit, wo man Adornopreise für solches Denken bekommt, wird wohl der boshafte Zauderer immer selbstsicherer, bis er in die Mördergrube seines Herzens endlich die ganze Welt werfen kann.

Schließlich wird der Antisemitismus mit dem interessanten Argument verteidigt, man könne in Auseinandersetzungen nicht immer maßvoll sein, was zu nichts weniger als der offenen Zustimmung von Vernichtungsdrohungen führt, weil der – und hier wird die eigentlich so kritisierte westliche Überlegenheit nun tatsächlich unerbittlich – Araber (die Muslime oder welches als Opferkollektiv imaginierte Revolutionssubjekt auch immer) ja nicht anders können, angesichts des Horrors der „Besatzung“. Hier wird dem stets als unentrinnbares Kollektiv vorgestellten kulturellen Blöcken tatsächlich die Unfähigkeit attestiert, Verantwortung für Wort und Tat zu übernehmen, oder diese Unfähigkeit zur Selbstverantwortung wird aus den mystisch überhöhten Unterdrückungserfahrungen quasi deterministisch abgeleitet.

Nichts des hier Gesagten ist neu und man fühlt sich gewissermaßen als eklektischer Kopist der von den wenigen auch linken Aufrechten vorgebrachten Argumente, aber so ist auch an dieser Diskussion nichts neu, wie auch nichts Wesentliches neu ist am Antisemitismus, der für immer das blinde Ressentiment und zugleich dessen Rationalisierung von der sich als natürlich vorstellenden Völker gegen den als universal imaginierten, das Mehrwertgeheimnis besitzenden Juden sein wird, und so zugleich gegen die Idee und Wirklichkeit der bürgerlich-kapitalistischen Zivilisation, ein Ressentiments, dass sich als Antikapitalismus der dummen Kerls vordringlich gegen Israel wendet, dem jüdischen Staat. Als jüdischer zieht er seine Legitimation aus Verfolgung, Mord, Vertreibung und dem Holocaust, was ihm dann noch als Künstlichkeit vorgeworfen wird und den Antisemitismus (in Form des Antizionismus) auch der Linken antreibt. Es wird diesem Staat nicht verziehen, das Brandmal des Scheiterns der Aufhebung des Kapitals zu sein, wie „der Jude“ zugleich als dessen Verkörperung imaginiert wird. Und so kämpft sich im Spätkapitalismus langsam aber sicher die Avantgarde des managerialen Kleinbürgertums im Strom der vom Kapital erzwungenen Auflösung des Staates blind und ertrinkend in eine Racketwelt vorwärts. Das ist ihre Überwindung des Kapitalismus und des bürgerlichen Staates. Israel ist so bloß das Emblem, das stellvertretend für die Restvernunft gehasst wird, die im bürgerlichen Staat mehr schlecht als recht zumindest als Idee festgehalten wird.

Der Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus existiert inhaltlich nicht, einzig in der Form der je aktuellen Präsentation behauptet er sich. Die Kritik an dem Bestehen des „Juden unter den Staaten“ ist eben eine an seinem Bestehen, nicht an seinen Taten, die allenfalls von seinen globalen Kritikern vorgeschoben werden, wenn sie sich um eine „rationale Zurückhaltung“ in den westlichen Medien bemühen müssen, die dennoch zunehmend ausbleibt.

Le Monde diplomatique und der akzeptierte Antisemitismus

Man muss schon der Herausgeber des aus tiefster Seele postkolonialistischen Blattes Le Monde diplomatique sein, um offen-versteckt die Auslöschung Israels fordern zu können, ohne dass dies jemanden in dieser Echokammer noch wegen seiner Außenwirkung bekümmern würde. Dieses Engagement fürs Irrsinnige weist auf die Reife der Saat hin, die sie so lange säen. Dass dies auch außerhalb dieser selbstverstärkenden Blase niemand tut, liegt leider nicht daran, dass diese Zeitung niemand mehr lesen würde, sondern wohl an der Müdigkeit der wenigen Vernünftigen. Alain Gresh, der hässliche Schreiberling des hier Kritisierten, ist jedenfalls einer jener „Linken“, die immer zu den „Schwachen“ halten und den Imperialismus in den USA, aber vor allem den Kolonialismus einzig in Israel wittern und ihre sprichwörtliche Feder, ihrem Leser prophetisch aufs Maul zu schauend, mutig erheben, welches jene immer mehr aufreißen.

Schon im Nachrichtenkopf möchte er daher die vollen Rechte der Palästinenser im Staat Israel. Dass sie dem gar nicht angehören, ficht ihn nicht an, er verlangt also die erzwungene Aufnahme einer im Vergleich zur israelischen eminent großen Bevölkerungsgruppe, die an den Grenzen zu Israel ja nur lebt, weil die arabischen Staaten einem weiteren arabischen innerhalb Palästinas so oft nicht zustimmen wollten, dass ihnen keiner mehr angeboten wurde und die palästinensischen Flüchtlinge zugleich in den arabischen Ländern – von denen die Leser der Le Monde diplomatique ja meist nichts wissen, der Tatsachenverdreher Gresh aber wohl – immer bloß als, wenn inzwischen auch vergiftetes, Faustpfand galten. In den umstrittenen Gebieten von Israel leben ca. 5 Millionen Menschen, die israelische Bevölkerung besteht aus ca. 9 Millionen Einwohnern (wobei knapp unter 2 Millionen arabische Bürger mit vollen Rechten). Aus den Kehlen der Vertreter – und oft genug auch aus denen der Vertretenen – dieser 5 Millionen Menschen aus den palästinensischen Gebieten hört man den dringenden Wunsch der Vernichtung Israels. Wenn Israel, dem Schutz seiner Bevölkerung verpflichtet, Schritte setzt, dies zu verhindern, wird ihm Rassismus unterstellt. Das also ist das geistige Medium, in dem sich ein Gresh bewegt, eines, in dem die kaum verhohlene Vernichtung eines bürgerlichen Staates durch diejenigen aggressiven Opfer, die alles Lebenswerte auslöschen möchten, bis nur noch die zugerichtete Lebensfeindlichkeit sich äußert, normal ist. (man frage einmal, wie viele Juden in den Palästinischen Autonomiegebieten [vor allem Gaza] leben und warum denn dort eben keine leben; oder frage auch nach den Juden in arabischen Ländern).

Sicher, Gresh ist immerhin bereit, auch die Version eines eigenen Staat für die Palästinenser zu fordern, den sie eigentlich ja quasi haben, auch wenn er nicht funktioniert, wofür ihm, so steht zu vermuten, ja nur die Israelis verantwortlich sein können.

Ein Übersetzungsfehler wäre dem Lektorat der Le Monde diplomatique, ein Fehler im Original wäre Gresh anzukreiden. Man weiß es nicht. Aber es kann jedenfalls nicht heißen: „…überrascht können nur diejenigen sein, die das mediale Schweigen über die Situation als stilles Einverständnis der Opfer missverstehen.“; hier würden die Opfer die Medien sein, die durch ihr Schweigen mit sich selber einverstanden sind. Denn warum sonst sollte man das Schweigen der Medien als Einverständnis der Opfer missverstehen? Heißen soll es wohl, dass man das mediale Schweigen als Einverständnis mit den Opfern missverstehe, und nur deshalb, aufgrund dieses Missverständnisses, überrascht sein könne. Aber es gab kein mediales Schweigen, das hat nur Gresh vernommen. Und dieses Schweigen, das es nicht gab, sieht Gresh wohl nicht als Einverständnis mit den Opfern, sondern als globale Ablehnung der Palästinenser. Da es aber weder ein Schweigen gab, noch das beredte Eintreten der linksliberalen bis linken Medienlandschaft in den meisten westlichen Staaten für die palästinensische Sache (die ja, zumindest bei ihren amtlichen Vertretern, der Tod Israels ist, nicht eine wie auch immer geartete „Befreiung“ der Palästinenser) tatsächlich für ein Nichteinverständnis mit den Opfern missverstanden werden kann, ist das zumindest der einseitigen Lektüre von oder der gewollten Falschinformation durch Gresh – die ihm inhaltlich oder dem Lektorat durch falsche Grammatik gelang – zuzurechnen. Vielleicht meint er, dass das Schweigen der Opfer in den Medien, also in den allen nun unmittelbar zur Verfügung stehenden sozialen Medien, nicht das Einverständnis der Opfer mit ihrer Situation bedeutet. Aber diese sich prospektiv als Opfer verkaufenden Palästinenser schweigen ja niemals über ihre Situation. Man muss das etwas kleinliche Raten hier abbrechen und sich der Unklarheit beugen.

Eingeleitet mit schriller Partitur ändert nun der hohle aber gefährliche Gesang von der Bösartigkeit der Juden zwar seine Melodie, aber nicht sein Thema; und man liest nun Unwahrheiten und erkennt die alte Aneinanderstellung von Fakten, die so die benötigte Bedeutung verliehen bekommen, die keine Tatsache je an sich haben könnte.

Es beginnt mit der schlichten Lüge über die „unrüttelbaren Tatsachen“ der jahrzehntelangen israelischen Besatzung, der Missachtung von Grundrechten und dem Bestreben, die Palästinenser von ihrem Land zu vertreiben. Selbst gemäß der Israel ja nicht gerade freundlich gesonnenen UN sind diese umstrittene nicht besetzte Gebiete; immer wieder vergisst der voreingenommene und tapfere Linke, dass Israel 1967 einem Angriff zuvorkam und 1973 unter Aufbietung aller Reserven einen fatalen zurückschlug. Dem Linken der Le Monde diplomatique und immer mehr der ganzen westlichen Meinungsführerschaft des liberalen (Klein-)Bürgertums gilt der Araber als das Sinnbild des Widerstandskämpfers, wie auch der Islam insgesamt als eine Art letzter Widerstandshorst gegen den Kapitalismus auftritt – und nicht, was der Wirklichkeit zumindest nahekommen würde, als Zeichen eines sich nie zum bürgerlichen Staat entwickelten Fellachentums, das sich munter, unter den globalen kapitalistischen Bedingungen sich auflösender und in Rackets zerfallender ehemals bürgerlicher Staaten einfügt. Gresh zitiert dann de Gaulle, der den aus der Besatzung folgenden Terrorismus schon 1967 vorausgesagt hätte. Aber der Terrorismus auf israelischem Boden ist älter und der internationale ebenso, der Terror wurde nur ab 1967 als Waffe wiederentdeckt, die nach der Niederlage 1967 und dann 1973 von den arabischen Staaten endgültig bevorzugt wurde. Die Entscheidung für den Terrorkampf lag in der Erschütterung des herrischen Überlegenheitsanspruchs der arabischen Länder und nicht in dem verzweifelten Versuch „angestammte“ Gebiete zu befreien, die man ja gar nicht hatte und welche nur in einem Israel aufgezwungen Krieg besetzt wurden. Das aus dem selben Zweck eingeführte Ölembargo und der nach Europa exportierte Terrorismus zeitigte dort überraschende Erfolge und zeigte ein peinliches Appeasement. Daher, weil er nicht sehen kann, was Terrorismus und staatliche Antwort und deren Differenz ist, erkennt Gresh beispielsweise die nur Sachschäden fordernde israelische Kommandoaktion gegen die libanesische Luftflotte 1968 als das größere Übel, nicht die terroristische Aktion der PFLP, die einen Monat lang Geiseln in einem Flugzeug hielt. Natürlich sagt das Gresh nicht selber, er versteckt sich hinter de Gaulle, aber dass Frankreich dann keine Waffenverkäufe an Israel mehr erlaubte (auch dann, wie sie dringend benötigt wurden), ein benötigtes Mittel der Sicherung seiner Existenz gegenüber den arabischen Nationen, das findet er gut.

Mit dieser knappen Wegweisung kann sich Gresh nun dem eigentlichen Problem widmen, dem, das ihm als das wesentliche Grundübel gilt, dem des Juden. Gresh ist natürlich europäischer Antizionist, er weiß, wie man reden muss, damit das europäische Publikum – (noch) zu fein in seinem grobem Geschmack – nicht sich etwa abwendet. Die „wiederholende Katastrophe“ ist ihm der Israeli und seine Regierung – solange es nicht der Jude und seine geheimen Machenschaften sein dürfen –, wo immer wieder die israelischen Sicherheitskräfte gegen die unschuldige Jugend der Palästinenser vorgehen, die sich bloß zum Fastenbrechen trafen (soll man es noch erwähnen, dass das Steinewerfen auf Sicherheitskräfte oder betende Juden nicht folgenlos bleiben kann?). Für welche Dummköpfe schreibt man solchen Ausguss eigentlich?

Dann ist es wieder einmal der „Fakt“ einer „Enteignung der Araber“ (nicht etwa die von arabischen Bürgern in Israel) nach geltendem israelischem Recht, die gezielt neben das – in bürgerlichen Staaten halt leider durchwegs bekannten – Ereignis, durch „arabische“ Viertel marschierender israelischer Rechter gesetzt wird, um einen durchgehenden jüdischen Plan des Kampfes gegen die Palästinenser, ohne allzu direkter Behauptung, quasi hinstellen zu können. Ganz so, als würde es keine Enteignungen in Europa geben und als wären die unterschiedlichen und auch unangenehmen (Gresh kann sich schließlich auch äußern) politischen Ansichten, die sich äußern können, nicht das Normale für einen bürgerlichen Staat (als würde es in Europa keine marschierenden Rechten geben). Die Frage, warum in spätkapitalistischen bürgerlichen Staaten politische Meinungen wie die der Rechten salonfähig werden, wären die eigentlichen, durchaus auch beantworteten Fragen für Linke; deren Vorhandensein als jüdische Verschwörung zu zimmern jedenfalls nicht ihre Aufgabe.

So werden im Artikel dann die brauchbaren weil guten Israelis angeführt, die die kolportierte Verletzung des heiligen Monats Ramadan, die „Schändung der Heiligtümer“ und die „Anwendung roher Gewalt“ kritisierten; dafür ist er halt gut, der Jude. Und viele der dazu Genuzten wären wohl kaum froh, von so einer Figur wie Gresh als Kronzeuge missbraucht zu werden. Das ganze Spektrum politischer Ansichten eines bürgerlichen Staates wird diesem zum Vorwurf gemacht oder gar zum „vernünftigen“ Widerstand auch der Israelis gegen Israel verstetigt; die Unmöglichkeit solcher bürgerlicher Freiheit in seinen politischen Ansichten wird der palästinensischen Autonomiebehörde vom Antidemokraten Gresh noch in nahezu Nietzscheanischer Manier (dort wo Nietzsche diese „Stärke“ des Islams erwähnt, irrt er am tiefsten über jene Eigenschaft) als Stärke ausgelegt, die endlich keine Ambiguitäten mehr habe, die auch ihm offensichtlich ein Gräuel sind; außer natürlich, diese Mehrdeutigkeiten dienen dazu, den Faschismus der islamistischen Bewegungen zu verschleiern.

Dann kommt er zum eigentlichen Kern, es ist die Haltung der Kolonisierenden gegenüber den Kolonisierten, also die Überheblichkeit der Macht, die ihn berührt. Einer Macht, deren Existenz durch und im jüdischen Staat diesem stets von denen zum Vorwurf gemacht wird, denen eben diese Macht in der Verwirklichung der eigenen Phantasie von dessen Vernichtung im Wege steht und sie gleichzeitig durch ihre Existenz stets befeuert. So sind dann die jungen Leute in Jerusalem halt bloß entschlossen, und die Jugend in den israelischen Städten, die dann bei Gresh „palästinensisch“ benamst ist, wehrt sich, weil sie und „ihre“, also die arabische Bevölkerungsgruppe keine Rechte habe. Welche genau sie nicht hat, und welche sie in den arabischen Despotien überhaupt nicht haben könnte, das fragt Gresh nicht, diese Länder sind ihm in all ihrer Rückständigkeit und Lebensfeindlichkeit wohl kulturell schützenswerte. Der Essentialismus, der in dem Gedanken von Völkern und zugehörigen Staaten, die ihnen natürlicherweise und geschichtlich zukommen, diese Wesenhaftigkeit in der politischen Wahrnehmung, ist der Linken gar nicht mehr bewusst. Sie unterscheidet sich da nicht mehr von der Neuen Rechten und ihren Konzepten vom Ethnopluralsimus. Ihre Wahrnehmung vom jüdischen Staat, an welchem sie Staatskritik zu üben glauben, ist Lüge, weil sie dem Juden ihren Staat nicht gönnen, den sie als künstliches Gebilde verteufeln.

Dann kommt Gresh tatsächlich zu sich und seinem ersten dramatischen Höhepunkt, er sieht, flankiert von Einschätzungen von Human Rights Watch und B‘Tselem – beides keine gerade neutralen Organisationen in Sachen Israel, zumindest letztere auch mit der unseligen Verbindung zur Bewegung „Boycott, Deinvest and Sanctions“ und nicht willens die Hamas eine Terrororganisation zu nennen – eine Vertreibung aller Nichtjuden am Horizont seines engen Geistes (realiter kann man das schlichtweg nicht sehen), die durch die „jüdische Kolonisation“ – also die innerhalb des jüdischen Staates – vertrieben werden würden. Was realistischer- und kaum überraschenderweise geschieht, ist eine politische Auseinandersetzung über die Rolle der arabischen Israelis, die aber rechtlich gleichgestellt sind. Es geht, und man muss das bei aller Blödsinnnigkeit der politischen Kommentatoren und ihrer Leser wieder einmal deutlich sagen, es geht also diesen selbsternannten Richtern der israelischen Sache nur darum, jede Äußerung der politischen Entität Israel und ihrer bürgerlichen Vertreter in ein genehmes Bild zu fügen; daher ist diesen Feinden der Freiheit immer die bedingungslose Solidarität mit Israel entgegenzuhalten, weil ihre „Kritik“ niemals auf das zielt, was jeder bürgerliche Staat auch an politischen Unsinn zu verwirklichen trachtet noch überhaupt Kritik am bürgerlichen Staat sein will, sondern stets die Auslöschung Israels will. Daher will sie auch gar nicht die israelischen Siedlungen nach ihrem tatsächlichen Ort unterscheiden, die rechtliche Lage und die Komplexität einer stets durch die arabische Seite ausgelöster Kriege und die teils durch international oktroyierte Gebietsabtretungen ineinandergreifender Grenzbereiche, kurz die Komplexität der Grenzen eines israelischen Staates betrachten.

Der Höhepunkt ist aber für Gresh noch nicht zu Ende, denn er muss noch die Vertreibung der „Palästinenser“ (die es nicht gab, weil es 1948 nur die Araber als Begriff und Vorstellung gab) 1948 von Lod als Warnung für die Gegenwart vorführen, bzw. diese Verbindung den Palästinensern, ob richtigerweise oder nicht muss offenbleiben, in den Mund legen. Was in Lod geschah, inmitten eines von arabischen Armeen und irregulären arabischen Gruppen losgetretenen Krieges, ist bei weitem nicht so eindeutig, und das Märchen von der einseitigen Vertreibung aus Lod hat ein paar mehr Seiten (eine davon, dass die Bevölkerung oder dort hausende Banden die Waffen ergriff, nachdem die Stadt erobert war), die mit einem Staat zu tun hatten, der in seiner Geburt für sein Überleben kämpfte. Gresh lässt das, ebenso wie die zahlreichen Vertreibungen und Ermordungen der jüdischen Siedler natürlich aus. Das tut man und muss man tun, um die historische Kontinuität der behaupteten Vernichtung der als Rasse imaginierten islamischen Araber darzutun.

Dann eben freut man sich über die palästinensische Jugend, die die Kontrolle auf den Straßen der Al-Aksa Moschee übernahm, wo doch ein paar Zeilen zuvor jeder Widerstand gegen die übermächtigen Israelis als unmöglich festgestellt wurde. Man freut sich darüber, dass der oberste Gerichtshof Entscheidungen zu Sheikh Jarrah verschob (immerhin hat Israel einen solchen Gerichtshof und die Regierung ist an diesen gebunden) und dass die Feier der Befreiung 1967 – die natürlich unter Anführungszeichen steht – die Route verlegen musste. Hier identifiziert sich jemand mit der palästinensischen Sache – und damit durchaus gegen den individuellen Palästinenser, was den Humanisten der abstrakten Gleichheit ja gleichgültig ist. Was diese palästinensische Sache ist, dafür steht die Hamas beispielhaft, die ihm folgerecht auch nur unter Anführungszeichen eine Terrororganisation ist. Sie ist in den Augen Greshs eine Bewegung der Unterdrückten, die nur zur Gewalt greifen konnte, weil sie ja mit Gewalt unterdrückt werde; Mandela und damit die Apartheid in Südafrika stehen seinen gedankenlosen Begriffsmarken Pate. So wird das für Gaza freigegebene Geld zu einem Plot von Netanyahu, um einen Keil zwischen die Palästinenser zu treiben, als hätte es keine davon unabhängigen Animositäten zwischen Fatah und Hamas gegeben. Falsche politische Entscheidungen werden dem Juden nicht zugerechnet, er hat ja immer einen bösen Plan; es war durchaus ein Irrtum der israelischen Regierung, die Hamas am Anfang zu unterschätzen, was sie allerdings lernte, das hat der Westen noch nicht überall gelernt, dass mit dem islamistischen Terror nicht zu verhandeln ist. Dass die israelische Erlaubnis der Geldlieferungen von Katar zur Hamas mehr politische Interessen berührt, als nur Abbas zu schwächen, dies überhaupt kein vordringlicher Grund sein kann, sondern hier eher der verzweifelte Versuch zu sehen ist, zumindest kurzzeitig Ruhe von der Hamas zu haben, keine humanitäre Katastrophe im Gazastreifen zu erlauben und Gaza zu erlauben den Strom zu bezahlen, der von Ramallah für den Gazastreifen zwischendurch schon mal nicht mehr bezahlt wird, dass alles, was politisch-diplomatische Feinabstimmungen unter der Not einer terroristischen Bedrohung und der Unmöglichkeit sich einer unter dem Kuratel einer feindlichen globalen islamistischen Gemeinschaft agierenden Bewegung militärisch zu entledigen – ganz abgesehen von der Unvorhersehbarkeit der weiteren Entwicklung – betrifft, wird bei Greshs Einseitigkeit natürlich unterschlagen.

Die IDF sieht er der militärischer Expertise abgängig, zumindest unfähig die Mentalität der Kolonisierten zu verstehen – also die der Terrororganisationen, die aus ihren Auslöschungsphantasien keinen Hehl machen – was ihm darin bewiesen war, dass die Hamas 2014 nicht erfolgreich besiegt wurde. Dieselbe Dummheit hörte man über die Mudschahedin oder später die Taliban, weil sie von den respektiven Mächten nicht besiegt wurden. Dass Russen wie Amerikaner etwa sich aus Afghanistan zurückzogen, da sie das Leben ihrer Soldaten früher oder auch später mehr achteten, als die Fans der Todesbereitschaft das ihrer Schützlinge, kommt solchen Leuten nicht in den Sinn. Dass der Aufstand der Bauern nichts fortschrittliches beinhaltet, auch nicht. Jede Niederlage ist Schuld des übermächtigen Juden, der die Unterdrückten – die Palästinenser sind nur Emblem dieser allgemeinen Unterdrückung – aller Länder an das zentrale Problem Israel wohl gemahnen soll.

Die Räumungen in Sheikh Jarah waren zwar rechtlich gedeckt, da die Pachtverträge abgelaufen sind. Aber das Recht interessiert den Menschenrechtler nicht, der sich eine moralische Macht in seinem Büro ausdenkt, die die Geschicke der Welt lenkt; das ist sehr deutsch.

Dann beginnt Gresh das Pferd Geschichte von hinten aufzuzäumen, sieht die Hamas, eine dezidierte Terrorgruppe, die die Vernichtung der Juden propagiert, als eine Art NGO, die gezwungen war, „ihr Gewicht in die Waagschale“ zu werfen. Mit was für einer armseligen Rhetorik hier der verachtenswerte Terror der Hamas als notwendige politische Bewegung gezeichnet wird, ist atemberaubend aber nicht mehr überraschend. Er sieht dann ganz richtig, dass die Hamas auch aufgrund die Verschiebungen der Wahlen durch Mahmud Abbas unter Zugzwang stand, beschreibt die Hamas aber ständig als rationalen politischen Akteur, wohlgemerkt eine Partei, die in ihrer Charta jeden Frieden ablehnt und ständig von der Allmacht und Verschlagenheit der Juden fabuliert, die sie brechen will, indem jeder Jude hinter jedem Baum (Anspielung auf eine Stelle im Koran in der Charta der Hamas) getötet wird.

Er geht weiter und sieht die Waffen der Hamas als Friedensstifter unter den palästinensischen Freischärlern (etwas an der Realität vorbei, weil diese Machtgruppen, wenn es um den gemeinsamen Feind weniger akut zu tun ist, natürlich wieder sich gegenseitig bekämpfen werden) und verbindet den Streik der Palästinenser und der arabischen Communities in Israel, nur um der antiisraelischen Propaganda mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es wäre jedenfalls ein Untergang für die arabischen Communities in Israel, wenn sie ihre eigenen gesellschaftliche Stellung und teils gerechtfertigten Forderungen mit der Sache der Hamas oder Fatah verquicken. Sie wissen das auch, denn der Großteil der Araber lebt sehr gerne in Israel, wie alle Umfragen deutlich zeigen.

Schließlich wirft er Israel Staatsterrorismus vor, wo es sich gegen Guerillagruppen verteidigt und macht es wieder einmal dafür verantwortlich, eine funktionierende Armee zu haben, die sich gegen einen militärisch unterlegenen aber irrationalen Gegner wehren muss. Die Zerstörung von Infrastruktur, aus der aus ein Land beschossen wird, mag politisch hinsichtlich ihres Erfolgs diskutiert werden (und das wird es in Israel), aber der Vorwurf des Staatsterrors dient der jeweilig agierenden Palästinenserorganisation nur dazu ihren relativ übermächtigen Feind alle erdenklichen Anklagen zur Last zu legen. So wird die Behauptung, es würden zivile Ziele angegriffen werden, auch von Gresh verbreitet, der genau weiß, dass die Verwendung der Gebäude nicht der offiziellen Bezeichnung entspricht.

Egal wo die Haaretz steht, sie wird nicht aufseiten Greshs stehen, der sie im Text nur nutzt, um seinen antisemitischen Unsinn loszuwerden; die von der israelischen Zeitung angemerkte Erfolglosigkeit der Taktik der IDF bedeutet ja nicht, dass die Armee per se zu verurteilen wäre, sondern nach einer besseren Lösung gesucht werden muss.

Dass Gresh unbedingt die Angst der Israeli trotz Iron Dome ansprechen muss, und mit kaum verhohlenen Stolz den Erfolg der Raketen von Hamas und Hisbollah oder gar den Houthis erwähnt, die er am liebsten in einem Joint Venture der Judenvernichtung vereint sähe, ist wohl dem Wunschtraum der Vernichtung entsprungen. Was sich bei Gresh als Fakt tarnt, ist kaum verhohlene Freude über die Möglichkeiten der „Unterdrückten“, Angst in den Bürgern Israels zu erzeugen. Dass er dabei den Iran nicht erwähnt, den Financier dieser Terroristen, ist nur zu folgerichtig. Er denkt sich Israel überlegen aber zugleich schwach dahingehend, dass es den Widerstand der Aufrechten unterschätzt. Dieses Bild würde mit dem Iran nicht so recht aufgehen. Zivilisationsmüdigkeit schlägt in solche -feindschaft um. Es geht ihm natürlich um die Vergeblichkeit Israels, die er nicht erwarten kann, während für einen vernünftigen Menschen der Untergang Israels wohl den wiederholten Untergang der gesamten bürgerlichen Restzivilisation anzeigen würde. Was Gresh und seine Freunde im Geiste eigentlich wollen, ist nicht individuelle Freiheit für alle Menschen, als die notwendige Bedingung für das Glück aller, sie wollen sich für eingebildete Kränkungen am Westen rächen, die sie irgendwie mit den „Unterdrückten“ mitfühlen. Ihre Zivilisierung muss schief gegangen sein und sie wollen dem mühsam unterdrückten Es zu seiner unvermittelten und verzerrten Freiheit verhelfen, daher fühlen sie sich den rückständigen Kämpfern antiquierter und gleichzeitig allzu moderner Verhältnisse wohl so verbunden.

Schließlich mindert Gresh die diplomatischen Erfolge Israels, das mit manchen arabische Staaten, die noch Restrationalität aufbringen können, durchaus Abkommen trifft. Gresh aber ist die rassische Internationale der arabischen Welt, also der antisemitische Pöbel näher, wo er in seiner üblichen Verdrehung wieder einmal den endemischen Antisemitismus der Ägypter als Folge, anstatt als lange gepflegte Ursache der Feinschaft gegen Israel erkennen könnte.

Es ist kein Wunder, dass Gresh dann auch so hässliche Linke wie Ocasio-Cortez aus den USA zitiert, die mit anderen der Meinung ist, Israel habe den Kreislauf der Gewalt angezettelt und sei eine Besatzungsmacht, betreibe Apartheid und Ethnonationalismus. Die Kongressabgeordnete der linken Welle gegen Trump muss ihrem ahnungslosen Publikum halt gefallen, und Gresh schreibt wohl auch nur als Sprachrohr der, wohl richtig vermuteten Meinung seiner linksliberalen Leserschaft, nicht im Versuch einer Wahrheit sich zu nähern.

Am Ende, in vollkommener Verdrehung der Tatsachen, wie diese braven Antizionisten es immer tun, spricht Gresh davon, dass die Palästinenser nicht von der Landkarte verschwinden sollen, als hätte das irgendeine israelische Regierung je behauptet, und nicht die Hamas und die Fatah und so manches islamische Regime sich für die Juden seit je gewünscht.

Antisemitismus

Man hat Bekannte, die in die unglückliche Lage kommen, hier als Beispiel für Aussagen zu dienen, die ihnen zwar aus dem Selbst entsprungen anmuten, aber freilich nur Beispiele von gesellschaftlichen Denkschablonen sind und sie hier daher nur – freilich anonym – als Charaktermasken dienen können. Nicht dass jeweils die persönlichen Färbungen nicht auch vorhanden wären, aber ich rede hier nicht als bürgerlicher Psycholog, sondern als Gesellschaftskritiker, dem vielleicht die Gefahr droht, dass ihm Menschen zu bloßen Figuren gerinnen, dem aber die Wirklichkeit diesbezüglich viel zu schnell entgegenkommt.

So kennen wohl alle, zumindest dunkel, die freundlichen und beliebten Bescheidwisser, die Mitteilsamen des allgemein Gewussten, nicht die lästigen Neurotiker, die sich selber und anderen unangenehme Gefühle bescheren, sondern die aus der Mitte ihrer Seele, das Allgemeine zu aller Zufriedenheit präsentieren vermögen, die zu jeder Sache eben das beitragen wollen, was sie gerade nicht können können: nämlich die Wahrheit. Immer, wenn diese Kleinbürger etwas als Lüftung des Geheimnisses, irgendeines, auszuposaunen meinen, dann kommt nur der Stuss heraus, den alle hören wollen und können. Schlimm ist es im Politischen, wenn diese Figuren ihre ihnen objektiv erscheinende Objektivität – realiter eine subjektivistisch erhöhte Richtertätigkeit – ausüben.

So muss man dann hören, dass die Rivalität der Weltmächte China und USA als irgendwie gleichwertig gesehen wird, ohne dass auch nur auf die spezifischen Bedingungen und Bindungen dieser Mächte Rücksicht genommen wird. Eine Objektivität, die nie eine ist, da sie alle Handlungen mit arithmetischer Sicherheit aufteilt und diese Gleichung regelmäßig null ergibt; dass solche Objektivität, die Taten eines wie immer fehlbaren aber politisch und moralisch – und sei es durch die eigene Bevölkerung – einholbaren Hegemon, nicht dasselbe sind, wie die Handlungen einer aggressiven Diktatur – deren Einhegung wiederum die erste Supermacht zum durchaus wahrgenommenen Glück vieler nicht nur asiatischer Staaten sichert -, wird hier in Blümchenwiesenmoral aufgelöst. Jede solche Objektivität, die eine Demokratie und eine Diktatur gleichstellt, will natürlich die Demokratie schwächen, ist ein Mittel, seinen Hass der Kritik zu entheben, da sie sich als Objektivität bloß tarnt. Hier spiegelt sich ferner nur die deutsch-europäische Überhobenheit, die überall dort moralisch Gerechtigkeit fordert, wo sie nicht mitsprechen kann. Sie verlangt stets in dem Moment die globale Gerechtigkeit, wenn die bürgerliche die gerechtere wäre. Dass die USA auch dort, wo sie nicht demokratisch agieren kann, eben als Hegemon gegenüber anderer Staaten, viel für die bürgerliche Demokratie getan hat, ist ja nicht nur im und nach dem 2. Weltkrieg deutlich geworden.

Aber dieselben Personen haben natürlich auch eine Meinung zu Israel und der Hamas (die sie sich immer mit „Palästinenser“ übersetzen, da diese zur Hamas als ihrer Vertretung ja quasi natürlich gekommen sind), in welcher sich dasselbe Muster der falschen Gleichsetzung spiegelt und die sich aus einem uneingestandenen und man mag schon fast zugeben: bewusstlosen, aber festsitzenden Antisemitismus speist. Diese Einigkeit der europäischen Bürger mit ihren Regierungen ist von der österreichischen Regierung offensichtlich gebrochen worden (eine israelische Flagge zu hissen, wenn Israel von Terroristen angegriffen wird, geht zu weit. Zumindest aber hilft hier der Konservative [Außenminister Schallenberg, ÖVP] dem Linken dabei, zu wissen, wo man steht), denn diese Solidarität mit dem israelischen Staat macht diese liberal-linken Bürger wütend, ihre Ignoranz wird dadurch herausgefordert und schnell werden geordnete Bahnen wieder hergestellt: Alle sind gleich böse, Israel, in unfehlbarer Opfermathematik, daher ein bisschen mehr. Man kann diesem globalen und intellektuell verwahrlosten Kleinbürgertum zwar böse sein, aber das ist vergebens, denn es hat seine Informationen vom sozialen Netzwerk oder einem der stupenden Comedians, denen es so gerne folgt und die zu seinem Sprachrohr heruntergekommen sind, und welche es als verlässlicher wie die herkömmlichen Nachrichten einstuft; das letztere mag zwar stimmen, aber ist ein Urteil gegen die Nachrichten nicht für die Comedians.

Die andere Quelle des Wissens für diese Kleinbürger ist die der praktischen Erfahrung, die in so theorielosen Zeiten so hoch geschätzt wird. Die zeigt ihnen regelmäßig beim Besuch der exotischen Länder, dass alle Menschen sind – was denn sonst, fragt man sich, welche geheime Theorie wurde in ihren Köpfen hier widerlegt? Dass es gerade die Selbstidentifikation der Individuen mit den jeweiligen Ethnien – um nicht zu sagen: Rassen – ist, die vielleicht die ewige Herausforderung Israels (und uneingestandenermaßen zunehmend auch Europas) erklären könnte, dieser Gedanke kommt ihnen nicht; wiewohl gerade ihr Hass auf Israel dieselbe trübe Quelle hat: der Gedanke, es könnte natürlich angestammte Gebiete für ein Volk geben. Es wird Israel nicht verziehen, dass es ihnen die Künstlichkeit der Staaten offenbar machte, es wird diesem Israel nicht verziehen, dass es die „Natürlichkeit“ der arabischen Länder ihrer Lüge überführte, es wird ihm der Rassismus unterstellt, der doch gerade in seinem Fall keiner ist, sondern diese (ja sehr beschränkte) staatsrechtliche Bevorzugung des Juden als Ergebnis und Notwendigkeit des globalen Antisemitismus figuriert, eben die Zufluchtsstätte für den Juden zu sein. Diesem bürgerlichen Land, wird die Verteidigung seiner Bürger zu dem Vorwurf gemacht, der die islamischen Bruderhorden, die ihre Rasse und ihre Religion zu einem unentrinnbaren Gefängnis für alle unter ihrem Kuratel Lebenden gemacht habe, treffen sollte. Der überhebliche Europäer hat den Juden als Problem identifiziert, den er halt opportun Israeli nennt; die einen, damit sie sich endlich entlasten können, die anderen, weil sie sich die Vernichtung nicht vorzuwerfen haben und sich deshalb in aller Überzeugung als objektiv betrachten. Am Ende sind sich alle einig, die islamistischen Rackets der Vernichtung und die Europäer des Appeasements, die lieber ein Auge oder zwei zudrücken.

Dass sich unsere ahnungslosen Zeitgenossen der kleinbürgerlichen Fraktion der antisemitischen Weltgesellschaft als moralische Nachtwächter selber missverstehen, die in salomonischen Urteilen das Böse mit allem andren gleichsetzen, dient nützlich der Auslöschung aller Differenz, die sie so wenig wie der Hippie und der Nazi aushalten, weshalb sie immer alles gleichdenken oder gleichmachen wollen; das ist das Fortleben des Nationalsozialismus in der Demokratie. So endet für die Bescheidwisser die Mühsal des Denkens und sie landen nicht zufällig dort, wo alle aus dem eigenen Biotop immer auch landen; man findet sich, obwohl man sich nicht gesucht hat, und kann so zufrieden sein. Alles Vorstehende wird in die Volksgemeinschaft eingemeindet oder daraus entfernt, vorerst gedanklich, man beneidet heimlich die Völkischen um ihren Tatendrang.

FM4, Superhelden und der unverdaute Adorno

Manchmal entdeckt man durch Zufall den Mist, dem man, wissend, dass er in den Medien herumkreucht, halb bewusst halb unbewusst flieht, dennoch.

Dass Filmkultur, dieses schlechtmoralische Feuerwerk an bunten Explosionen, gefangen in der ewigen Verweisstruktur dieser wirklichkeitsfliehenden Zunft, die alles in ihr Universum ziehen möchte, also auch versucht, die Kritische Theorie in ihren Filz zu verfangen, ist wenig überraschend. Die Filmemacher waren, so darf angenommen werden, auch stolz auf ihre positive Aufhebung – wiewohl negative Bestätigung – der Kritischen Theorie. Der FM4-“Kritiker“ des einfältigen Filmes „Suicide Squad“ jedenfalls war sich nicht zu blöd, seine Kritik damit zum krönenden Abschluss zu bringen.

Was Adorno zusammenfassend ausdrückte, nämlich, was ja dieser Film und all seine Brüder im Geiste mittels ihrer Existenz stetig und erfolgreich – wenn auch weithin ungehört – bestätigen wollen, dass es kein richtiges Leben im falschen gäbe, wird von einer der Figuren umgedreht hin zu: dass es kein richtiges Leben ohne das falsche gäbe. Das ist dem Rezensenten die „echte Botschaft“, die seinem Verstand auch eine Wahrheit zu sein scheint. Man kann nur hoffen, solcher Unsinn wird aus demselben Grunde geschrieben, wie andernorts sinnlos Listen ausgefüllt werden, weil man eben in Lohn steht. Das macht es nicht besser, für uns alle wahrscheinlich noch schlimmer, bliebe aber immerhin noch eine individuelle Entschuldigung.

Das Adornosche Oeuvre in diesem Satz zu konzentrieren, wenn er auch so oft zitiert wurde, dass dieser selbst von FM4 vernommen wurde, ist nicht zulässig, aber dennoch ist in diesem gedrängt, was Kritische Theorie als, sprachlich oft alterierte, Wahrheit erkannte. Ein schlechter Schreiberling kann das nicht verstehen, aber in typischer kulturindustrieller Respektlosigkeit und Anmaßung kann er profanisieren, verkleinern und die Handhabbarkeit der Kritischen Theorie üben, um sie dort zu entschärfen, wo sie wehtun könnte.

So fallen dem Rezensenten dann die Ambivalenzen des Menschseins ein, greift also auf Heideggersche Wesensbestimmungen zurück – die, hätte er Adorno gelesen, ihm zumindest verdächtig vorkommen könnten -, wie sie heute wieder en vogue sind, wo niemand nirgends etwas von Verhältnissen versteht. So ist ihm die Welt in Ordnung, wie sie ist, weil die Menschen halt böse sind, damit die Guten sich beweisen können. Ihm und der ganzen vermaledeiten Kleinbürgerklasse der Kulturindustrie (Journalisten, Lehrer, Beamte, Regisseure, Bücherschreiber…), die nie – und wenn dann nur vermeintlich – gegen die Welt, sondern immer nur für sie schreiben; gerade dann, wenn sie sie kritisieren, weil sie ja nicht begreifen, was sie kritisieren, wäre mehr Verstand zu wünschen. Vergebens! Das ist die Moral, die diesen Filmen entwächst und die der Rezensent festhalten möchte, eine im schlechten Sinne infantile, die jede Dialektik bloß verkehrtherum als Ambivalenz festhalten will, eine Welt der Comics, in der peinliche Erwachsene, wie Kinder vor dem Weihnachtsbaum einst, mit roten Kopf und vor Aufregung geöffneten Mund blöde dasitzen. Alles was frühere Superheldencomics – vielleicht und jedenfalls falsch – einmal festhalten wollten, der immer schon infantile aber ehemals ehrenhafte Kampf gegen eine böse Welt und die Kämpfe mit sich selbst, aus denen man wächst, wird in derartigen modernen Comicverfilmungen in einem blinden Reigen an explodierendem Nonsens vollständig aufgelöst und durch schablonenhaften Bösewichter, die sich kaum, zumal in ihren Mitteln, von den mordenden Guten unterscheiden (was ja die tiefere und grausam unmenschliche Moral dieser Machwerke ist, dass es keinen Unterschied mache, was man tue), verschwindet die letzte Ahnung von etwas Gutem. Das ist dem Rezensenten dann das treffendere Bild einer Realität ohne Freiheit, die im Film und dessen beschränkter Kritik schon mal die Kritische Theorie überwindet. Der einst fortschrittliche Gedanke von Grautönen gegen eine zu repressive Moral wird längst zur Ausrede, das Böse nicht mehr erkennen zu müssen.

Was Adorno hier festhalten wollte, dass die Totalität des Kapitalismus alles einschließt und es keinen Standpunkt der Befreiung außerhalb geben kann, mithin ein Aufruf zur Reflexion innerhalb dieser Totalität, damit etwas von Freiheit festgehalten werden kann, wird von keinem Zweifel angeflogenen Kleinbürgern als obsolet dekretiert, da nun in seliger Ambivalenz Gut und Böse zusammengehören, damit bloß menschliche Erscheinungen sind, die in alle Ewigkeiten und sinnvoll den Guten die Möglichkeit geben in unendlicher Wiederholung sich zu beweisen. Die Welt macht diesen Menschen in ihrer Hölle Sinn, weil ihnen noch die Menschenvernichtung als Veredelung des Menschen erscheinen muss, wie ja von manchen guten Deutschen in Hinsicht auf ihr Holocaustdenkmal auch schon mal offiziell behauptet wird.