Der Kapitalismus und sein Büttel, die Bürokratie, haben die Funktion zum Prinzip erhoben. Die Reduktion aufs Wesentliche, welches antiwesentlich ist, das Abstraktum als Wesentliches, die verzerrte Umkehr zwischen Erscheinung und Wesen, macht aus den zufälligen Eigenschaften der Erscheinung – den bürokratischen Daten – das Wesen; Minimalismus des Menschlichen. Wir sind das, was wir sind, ohne das wir sind. Handlungsfähigkeit im blinden Tun, Schein als Wirklichkeit, Schema als der dimensionslose Punkt von Wesen und Erscheinung zugleich; Potemkin hat sich durchgesetzt, und nicht einmal mehr die Stützen für die Fronten sind nötig.
Was der Psychologe für den Kleinbürger, ist der Sozialarbeiter für den Proletarier – Aufputschmittel und Beruhigungspille zugleich. Direkt, indem sie die Erschöpften und Ausgelaugten wieder funktionstüchtig machen – bevor sie in der Erschöpfung noch nach dem Grund dieser fragen können – indirekt, weil sie uns in einer bürokratisch-psychologisierten Gesellschaft mit formalisierten Nebensächlichkeiten bedienen, die bloß passende Antworten auf die richtigen Fragen liefert.
Moderne Wissenschaft ist ebenso dimensionslos wie die Bürokratie, nur noch ein Zusammenhang von internen Relationen.
Das Verhältnis von Inhalt und Spiel um Macht in jedem Gespräch hat den Punkt des Umschlages irgendwo in dem Bereich, wo die intellektuelle Aufrichtigkeit und das Bedürfnis nach Wahrheit dem nach Macht unterliegt.
Die sozialen Institutionen der Enkulturation – Eltern, Schule, Medien etc. – haben ihre ihnen verborgene Aufgabe vollständig erfüllt. In einer graduellen Abwärtsentwicklung haben sie alle psychologischen Widerstandspotentiale über die Generationen unbewusst entschärft. Die Einpassung des leeren Individuums wird immer weiter fortgeführt.
Jedes Wort, gesprochen aus einer bürokratischen Machtposition und in der bewussten Innehabung dieser Position, jede solche Überlegenheit im ausgesprochenen Satz, trägt das Wundmal der Abwertung anderer.
Der Proletarier hat in bürgerlichen Umgebungen – oder allgemeiner, der Ohnmächtigere vor dem Mächtigeren – immer mit der Auflösung seines Ichs zu kämpfen; diese Unsicherheit lässt ihn immer verlieren, denn er teilt heimlich die Ansichten über seine Position und Möglichkeiten mit dem Bürger (Simmel). Kunst könnte eine Zuflucht sein, wenn der Bürger nicht hier ebenfalls Priorität und Superiorität hätte.
Der moderne Feminismus, insoweit Anhänger der Wirklichkeitsveränderung durch Sprachveränderung, erscheint als ein bloßer Abkömmling eines philosophischen Irrtums. Wo er die Sprache als Beeinflussungsvariable der Wirklichkeit sieht, ist sie nur ein Spiel in den Händen des Bürgertums, gruppiert um ein Distinktionstheater, das keine materiale Position auch nur berührt. Das Proletariat, das sich darum nur wenig schert, hat das unbewusst immer geahnt, ist so näher an der Wirklichkeit, da die Wirklichkeit näher an ihm ist. Die kleinbürgerlichen Vertreter dieses Feminismus durchschauen das Spiel aber selbst gar nicht mehr als solches und lassen alle materiale Wirklichkeit, trotz aller ihnen entgegengesetzter Feindlichkeit, unberührt.
Die plumpe Vorstellung einer bewusst gesteuerten Änderung der Wirklichkeit durch Sprache, zerschellt an der blinden Rache der Sprache, garantiert durch die ihr eigene Lebendigkeit. Sie verbietet sich jede Verknöcherung und wer ihre Dialektik, die zwischen Begriff und Wirklichkeit, nicht erhellt, wird von ihr mitgerissen.
Was ist von der Höflichkeit zu halten, die nur noch als ein zweischneidiges Schwert fungiert: eine Waffe des Bürgertums – gewöhnlich vom dummen Kleinbürgertum besonders aggressiv verfochten –, ein Distinktionsmittel, welches von ihr wohl nur so lange Bedeutung besitzt, als es ihr Ziel, die Fesselung des Kleinbürgertums an sich im Sinne des divide et impera sichert; auf der anderen Seite ist es verhaltens- und sozialpsychologisch auch eine Kontrollinstanz für die Kleinbürger, die sich stets in ihrer generischen Unsicherheit an das Mächtige richten und unverstanden es nie als sie selber erreichen und als Abstoßung des Proletariats, da es Eingang zur sozialen Macht nur mittels dieses Instruments findet.
Was ist Wissen heute? Eine bürokratisch organisierte Monstrosität, die das Wissen als rein formale Beschaffungsform erzeugt und zugleich im selben Apparat es ideologisch auflädt und überhöht, nur damit kein Widerspruch aufkomme; was zugleich die Blüten des bewusst gefälschten antielitistischen Wissens treibt. Diese versteinerte Dialektik hat einen Beigeschmack des Pathologischen. Aber welches Wissen wird gesucht, welchen Nutzen soll es bringen? Getrachtet wird blindlings nach allem technischen Wissen, nicht etwa nach Wahrheit, sondern bürokratisch-technisch verwertbarem Wissen. Die Physik, als Surrogatmutter dieser Bewegung, dient als Beispiel, wenn sie den Nutzen in unbekannt Ferne rückt: Man könne ja nie wissen, wann eine technologische Errungenschaft „gesellschaftlichen“ Nutzen bringe; und zugleich verbrämt die Wissenschaft mit – und unter diesem Schlagwort – kindlicher Neugier, das alleine bedeutsame kapitalistische Interesse. Daneben ist sie aber längst ein Selbstläufer geworden, der sich nur noch für die Außenstehenden mit ihm selber fremden Sinn ausschmückt. Das was hier übrigbleibt sind wohl nur noch Sinn-Krumen in einem Prozess der blinden Beschaffung von Wissen. Der trajektorische Technikfortschritt bewegt sich längst über seinen eigenes Schwergewicht fort, wird allerdings innerhalb des verwertbaren Wissen im Kapitalismus organsiert, der die Verwertbarkeit nicht vorab schätzen kann; so bleibt Wissenschaft samt Technik Büttel des Kapitals.
